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"... und dann kamen wir nach Rixdorf"

Lebensläufe böhmischer Einwanderer aus dem 18. Jahrhundert

Anlässlich der Gründung des Böhmischen Dorfes in Rixdorf vor 275 Jahren lohnt es sich, einen Blick auf die Lebensumstände der damals eingewander­ten Böhmen und auf die frühe Einwanderungs-geschichte in den Berliner Raum im 18. Jahrhundert zu werfen. Eine ausgezeichnete und einzigartige Quelle dafür sind die Lebensläufe der böhmischen Glaubensflüchtlinge, die die Herrnhuter Brüdergemeine – eine der drei von den Böhmen in Rixdorf gegründeten Gemeinden* – bis heute in ihrem Archiv aufbewahrt. Diese zum Teil selbstverfassten Lebensläufe wurden nach alter Tradition bei der Beerdigung der betreffenden Personen vorgelesen.

Bei diesen Lebensläufen ging es den Verfassern hauptsächlich um ihren persönlichen Glaubensweg und ihre „Erweckung“. Für uns heute sind diese Lebensläufe vor allem interessant, weil sie außerdem Aus­künfte über das Leben der Einwanderer geben. Im Folgenden sollen einzelne Passagen aus diesen Lebensläufen vorgestellt werden, die ver­schiedene Aspekte ihrer Einwanderungsgeschichte beschreiben:

Die Glaubensflüchtlinge, die ab 1737 nach Rixdorf kamen, hatten zuvor als Bauern im Nordosten Böhmens gelebt. Sie, wie auch ihre Vorfahren waren aufgrund ihres brüderischen Glaubens, der auf die böhmische Reformation zurückging, seit der Rekatholisierung Böh­mens (1620/21) verfolgt worden. In dieser Zeit hatten einige Mitglieder der Brüder-Unität weiter heimlich an ihrem Glauben festgehalten und ihn über mehrere Generationen bis ins 18. Jahrhundert hinein tradiert.

So beschrieb Magdalena Pakostová in ihrem Lebenslauf – neben den Passagen über ihre dramatische Flucht –, wie sie als Kind Kontakt zu einer Gruppe Böhmischer Brüder fand:

„Ich wurde am 20. Juli 1703 im Dorf namens Príluka auf der Herrschaft Litomysl geboren. Meine erste Erweckung wurde durch einen Knecht verursacht, der bei uns diente, als ich ungefähr zehn Jahre alt war. Er besaß einige brüderi­sche Bücher, darunter das Neue Testament, das Große Brüder-Gesangbuch und noch einiges mehr und er sang viel die schönen Brüder-Lieder. Nachts kamen gleichgesinnte Menschen zu ihm, sie sangen, lasen und deuteten das Gelesene. Ich hörte ihnen mit großer Freude zu und dachte, wenn ich einmal groß sein werde, würde ich nicht hier bleiben, sondern auch zu solchen Menschen gehen …“

Wurde eine dieser Gruppen entdeckt, wurden ihre Mitglieder bru­tal verfolgt. Schließlich flohen Anfang des 18. Jahrhundert viele von ihnen in die benachbarten evangelischen Territorien wie Sachsen und Preußen, um dort ihren Glauben frei leben zu können. Die Flüchtlinge kamen über verschiedene Stationen – manche in einem mehrjährigen Wanderungsprozess – schließlich bis nach Berlin und Rixdorf. Die Flucht aus Böhmen selbst war gefahrenvoll, da sie als erbuntertänige Bauern ihr Land nicht verlassen durften, und das Leben in den Zwi­schenstationen entbehrungsreich. Das beschrieb unter anderem Václav Nemec (geb. am 23. Juli 1712 im Dorf Hermanice in Böhmen, gestorben am 8. Oktober 1765 in Rixdorf), in seinem Lebenslauf:

„… Am 23. Januar [1733] kamen wir hungrig und vor Frost erstarrt in ein anderes Dorf. Dort nahm uns ein Mann auf, versteckte uns in einem Stall und ließ uns auch etwas Suppe kochen. Da er sich fürchtete, ließ er uns erst am Abend in die Stube herein. Dort ruhten wir einen Tag und in der Nacht brachen wir wieder auf. Wir überwanden glücklich die großen Schneeberge, kamen am 25. Januar nach Gebhardsdorf und gelangten am 26. Januar nach Gerlachsheim zu unseren Landsleuten. Hier gab es nichts anderes zu sehen als lauter Armut. …“

Erst in Rixdorf fanden sie eine dauerhafte Bleibe. Zu ihrer Ankunft dort heißt es im Lebenslauf von Rozina Pittmannová (geb. am 11. März 1709 in Böhmen im Dorf Cermná, gestorben am 18. März 1776 in Rix­dorf), den andere über sie geschrieben haben:

„… Nach einigen Tagen zogen wir nach Berlin, wo wir am 25. März 1737 glücklich ankamen. Nach einer kurzen Zeit wurde uns gesagt, wir sollten nach Rixdorf kommen, der König lasse für die Böhmen Häuser bauen. Unsere selige Schwester schreckte davor zurück und war heftig dagegen und sie sagte, sie habe nicht gedacht, dass sie im Leben noch einmal irgendein Gewerbe oder Gut besit­zen würde. Herr [Prediger]) Schultz überzeugte sie dann, es anzunehmen. …“

Bei der Lesung am Freitag, den 15. Juni 2012 um 21 Uhr werden län­gere Passagen aus den Lebensläufen dieser und anderer böhmischer Einwanderer dieser Zeit vorgestellt.

Ursula Bach

 

* Bei einer Abstimmung im Jahr 1747 mussten die Böhmen ihre kirchliche Zugehörigkeit erklären. Daraufhin entstanden in Berlin und Rixdorf die Böhmisch-reformierte Bethlehemsgemeinde, die Böhmisch-lutherische Bethlehemsgemeinde und die Herrnhuter Brüdergemeine.

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