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Philipp Melanchthon (1494–1560)

Auch im Jahr 2010 gibt es einen Jubilar:Am 19. April gedachten wir des 450. Todestags Philipp Schwarzerts, der 1497 als Sohn eines kurpfälzsischen Waffenmeisters in Bretten (heute Nordbaden) geboren wurde. Der Name Melanchthon (griechisch für Schwarz-Erde) wurde dem hochbegabten Lateinschüler 1509 in einer Widmung von seinem Großonkel mütterlicherseits, dem Humanisten (und ersten nichtjüdischen Hebraisten) Johannes Reuchlin, verliehen. Nach dem Studium in Heidelberg wurde Melanchthon Professor für griechische Sprache an der Universität Wittenberg, wo er sich 1519 der Reformation anschloss und der wichtigste Mitarbeiter Martin Luthers wurde. 1530 verfasste er die sog. Augsburger Konfession, die bedeutenste Bekenntnisschrift des lutherischen Protestantismus. Nach Luthers Tod 1546 wurde Melanchthon der anerkannte Führer des protestantischen Lagers in Deutschland, jedoch stets um Ausgleich mit den anderen reformatorischen Strömungen und um die Einheit der Kirche bemüht. Aber auch um die Entwicklung des Schulwesens macht er sich verdient. Mit der Oberen Schule St. Egidien in Nürnberg begründete Melanchthon sogar einen neuen Schultyp, der zur Urform des deutschen Gymnasiums werden sollte.

Vorrede zur Vorlesung über das Nizänische Glaubensbekenntnis von Philipp Melanchthon

… Die Kirche schafft keine neue Lehre, sondern diese1 ist gleichsam die Grammatik des göttlichen Wortes: Sie2 lehrt die Jugend, was die Wörter bedeuten, sie unterteilt und führt die Glieder der Lehre nacheinander an, sie fügt klare Zeugnisse hinzu aus den prophetischen und apostolischen Schriften oder auch aus den anerkannten Geschichtsbüchern von den Synoden oder ähnlichen Quellen,3 und schließlich weist sie mit diesem Licht der Wahrheit die ihr widersprechenden Meinungen zurück. Gott erhält nämlich in der Kirche das evangelische Predigtamt, das die prophetischen und apostolischen Schriften zur Sprache bringt und das Wort, von dem ich gesprochen habe,4 auslegt. Nichts anderes tun wir5 mit dieser Erklärung des Bekenntnisses und mit unseren anderen Schriften. Keineswegs begründen wir eine neue Art der Lehre, sondern bemühen uns, jenes einhellige, beständige Wort der katholischen6 Kirche Gottes, das die Urväter,7 Propheten und Apostel zur Sprache gebracht haben und das in den Glaubensbekenntnissen ausgedrückt ist, an die Nachkommen weiterzugeben. Aus diesem Grund ist es nötig, die Jugend auf die kirchliche Lehre aufmerksam zu machen, an den wahren Bedeutungen der Wörter festzuhalten und die falschen zu verwerfen. […] Deshalb erhält Gott in der Kirche das evangelische Predigtamt und die Wissenschaften, damit die Schriften der Propheten, Apostel und auch andere Quellen gelesen werden. Dann kommt das Wort der Lehre unter den Menschen zur Sprache, durch das die Kirche gesammelt wird, und die Erfahrenen stehen der Jugend bei, das Wort zu erklären, Unterschiede in den Lehren aufzuzeigen und Irrtümer zu verurteilen. Es ist nicht nötig, einen anderen Grund zu suchen, warum diese Studien notwendig sind, außer diesem, dass wir sehen, dass sie von Gott eingerichtet wurden und durch viele Zeugnisse8 bewiesen sind, so wie Paulus spricht: „Sei beständig und eifrig beim Lesen, bei der Tröstung9 und bei der Lehre!“10 Weil dieses nötig ist, braucht man die Wissenschaften und die Lehre. Anzuwenden sind die Hilfsmittel der freien Künste:11 Definitionen, Gliederungen, der Vergleich, die Schlussfolgerung und alle anderen Mittel der Wissenschaften. Sie sind gleichsam Abgrenzungen, durch die die von ihnen umschlossene Wahrheit erhalten wird. Zwar sollten im allgemeinen beim Lehren viele Tugenden zur Anwendung kommen: Liebe zur Wahrheit, Klugheit bei der Auswahl der notwendigen Sachfragen, rechtes Maß bei den Disputationen, Streben nach Eintracht, Klarheit bei der Beurteilung der Reden der anderen, Abscheu vor Sophistereien und Verleumdungen.

Phlipp Melanchthon. (Lukas Cranach d. Ä. 1543 – Ausschnitt)

Allerdings soll der Lehrende beim Vortrag in den Kirchen und Schulen12 nicht ohne eigenes Urteilsvermögen wie ein „Esel auf die Musik der Laute hören“,13 sondern er soll sich mit Bedacht eines Ratschlages und der Wissenschaft bedienen, vor allem aber in rechter Weise an der aus den Quellen selbst geschöpften Lehre der Kirche festhalten. Dies habe ich deshalb vorausgeschickt, damit die Jugend anhand einer Ordnung des Lehrens und Lernens noch stärker die Studien liebt und noch mehr auf die Bewahrung der eigentlichen Wortbedeutung14 beim Reden achtet, was zur Erkenntnis der Wahrheit und zur Erhaltung der Eintracht von hohem Nutzen ist. Einige halten nämlich dagegen, dass das Festhalten an der eigentlichen Wortbedeutung beim Lehren nichts anderes als ein Gefängnis sei und Fesseln anlege, derer sich herausragende Geister schämen müssten, während den scharfsinnigen Denkern vielmehr die Freiheit zugestanden werden müsse, unter Absehung der ursprünglichen Wortbedeutung umso trefflichere Interpretationen zu ersinnen. Ich überlasse es aber der Kirche und insbesondere euch, denen ich gleichsam als Schiedsrichter in dieser Sache schreibe, die Meinung dieser Leute zu beurteilen. Es gibt klare Regeln: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“.15 Dieser Gedanke ist oft wiederholt worden. Von dieser Norm darf niemals abgewichen werden …

(1) Gemeint ist die Lehre der Kirche.
(2) Vgl. die vorhergehende Anm.
(3) Zu denken ist an die damals verbreiteten und allgemein anerkannten Quellen zur Geschichte der Alten Kirche, z.B. die Historia ecclesiastica tripartita.
(4) Gemeint ist das vorgehende Zitat Joh 17,17.
(5) Melanchthon und die anderen Vertreter der Wittenberger Theologie.
(6) Der Begriff „katholisch“ (catholica ecclesia) nicht im konfessionellen Sinne; gemeint ist die „wahre Kirche“ von alters her.
(7) Die Stammväter des Volkes Israel im Alten Testament.
(8) Gedacht ist an das Zeugnis der Heiligen Schrift.
(9) Durch die Verwendung von consolatio („Tröstung“; „Ermutigung“) in diesem frei zitierten Bibelwort ergibt sich eine leichte Akzentverschiebung zum Text der Vulgata (exhortatio: „Ermahnung“).
(10) 1Tim 4,13
(11) Die „freien Künste“ (artes) umfassten das Trivium (Grammatik, Dialektik und Rheto rik) und das Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik). In unserem Zusammenhang ist das Trivium gemeint.
(12) „Schule“ (schola) ist hier in einem weiteren Sinne als Universität zu verstehen.
(13) Die sprichwörtliche Redewendung „asinus ad lyram“, für die es keine direkte Entsprechung im Deutschen gibt, richtet sich gegen Leute, die aufgrund von Unwissenheit über keine eigene Urteilsfähigkeit verfügen.
(14) Der rhetorische Terminus proprietas („Eigentümlichkeit“) an dieser Stelle bezeichnet bei Wörtern deren eigentlichen Sinn im Unterschied etwa zu einem übertragenen Verständnis.
(15) 1Kor 3,11

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