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Anfänger

von Karl Barth

„Die Güte des Herrn ist alle Morgen neu.“ (Klagelieder 3,22)

Gläubiger, todernster Vertreter eines Standpunktes kann der Christ nicht gut werden. Man ist ja auch nie ein Christ, man kann es nur immer wieder werden: am Abend jedes Tages ziemlich beschämt über sein Christentum von heute und am Morgen jedes neuen Tages zufrieden, dass man es noch einmal wagen darf – mit dem Trost, mit dem Näch­sten, mit der Hoffnung, mit dem Ganzen. Die christliche Gemeinde ist sich einig darin, dass sie aus lauter Anfängern besteht – und dass eben das wahrhaft Gute ist: noch einmal klein zu werden, von vorne anzufangen und also gerade an keinem Punkt stehen zu bleiben. Das ist die Einigkeit des rechten Glaubens.

Es handelt sich um Glauben, weil das alles an Jesus hängt, der es nun einmal allein fertig bringt, die Menschen zu solchen schlichten, aber fröhlichen Anfängern zu machen. Es handelt sich um Glauben, weil es schon ein rechtes Wunder dazu braucht, dass ein Mensch sich vom Gesetz, vom Zwang, von der Feierlichkeit, von dem bösen Ernst aller Standpunkte – auch wenn er selber solche einnimmt – erlösen lässt. Wahrscheinlich darum gibt es nur so wenig Christen. Das beweist nichts gegen sie. Es wäre schrecklich, wenn es nur standpunktgläubige Menschen gäbe. Die wenigen Christen haben die schöne Aufgabe, den anderen zu zeigen, dass es auch noch einen anderen Glauben gibt als den „Standpunkt-Glauben“.

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