Willkommen | Archiv | Begegnung mit fernen Geschwistern

Begegnung mit fernen Geschwistern

Es waren leider nur die – räumlich gesehen – von uns fernen Brüder der Kirchenleitung und andere leitende Mitarbeiter der ungarischsprachigen Reformierten Kirche Unterkarpaten zur 3. Konsultation über den Weg dieser Kirche angereist, die im Spätsommer 2007 in Berekfürdö / Ungarn stattfand. Die Frauen blieben daheim in der für sie so schwierigen Situation. Auf Einladung der Ungarischen Reformierten Kirche trafen sich Vertreterinnen und Vertreter mehrerer Kirchen aus der Schweiz, den Niederlanden, den USA sowie Deutschlands mit den Pfarrern aus der Karpathen-Ukraine, die jetzt hinter der immer dichter werdenden EU-Außengrenze leben.

Sie berichteten uns in der erhofften Offenheit und Ausführlichkeit über das Leben der Gemeinden und halfen damit zu besserer Wahrnehmung ihrer kirchlichen und gesellschaftlichen Situation. Bischof Sandor Fabian beschrieb eingehend die Entwicklungen in diesem Teil der jetzigen Ukraine, der immerhin über 1000 Jahre zu Ungarn gehörte. Gegenwärtig leben dort nahe der Grenzen zur Slowakei, Ungarn und Rumänien ca. 100.000 reformierte Christen in drei Distrikten mit insgesamt 108 Gemeinden: 60 Muttergemeinden, 39 Tochtergemeinden und neun Missionsgemeinden. In ihnen tun 72 Pfarrer, davon 62 Hauptpfarrer den Dienst. Dass die alten Pfarrer nicht einfach in den Ruhestand treten können, sondern bis zu ihrem Tode Dienst tun, um versorgt zu sein, zählt zu den besonders gravierenden Belastungen. Das Gehalt eines Pfarrers beträgt z.Zt. umgerechnet 83 EUR; ein Ruhegehalt 75 EUR, eine Pfarrwitwe bekommt 59 EUR. Die Ausgaben für den Lebensunterhalt betragen derzeit 93 EUR. Die Gemeinden tragen die Kosten für Strom, Gas und Telefon. Diese wenigen Angaben lassen die Schwierigkeiten im Leben der Gemeinden erahnen.

Gleichwohl gibt es bemerkenswerte Aufbrüche in der gemeindlichen und kirchlichen Arbeit. So ist die Einrichtung der kirchlichen Schulen und die gute Ausbildung der jungen Menschen eine besonders wichtige Aufgabe, die nur zum geringen Teil vom Staat finanziert wird. Die Beziehungen zum ukrainischen Staat sind schwierig. Es gibt keine rechtliche Unterstützung dieser Minderheitskirche. Kirchen und Pfarrhäuser stehen auf staatlichem Eigentum. Die soziale Tätigkeit der Kirche wird nicht unterstützt. Die Kirche übernimmt viele Aufgaben, für die der Staat verantwortlich wäre; so bildet z.B. in einem Ort das Presbyterium mit dem Pfarrer die Feuerwehr.

Die heutige Karpathen-Ukraine (Karpatska Ukrajina) ist wie die Städte L’viv (Lemberg) oder Chernivtzi (Czernowitz) einer der Landesteile bzw. Orte der k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn die heute zur – seit 1991 unabhängigen – Ukraine gehören. Nach Ende des Ersten Weltkriegs fiel das Gebiet an die neugebildete Tschechoslowakei, nach 1945 an die Sowjetunion als Teil der Ukrainischen Sowjetrepblik.
Wie die Volkszählung von 2001 ergab, leben dort ca. 1 Mio. Ukrainer. Ungefähr 150 000 Ungarn stellen die gräßte nationale Minderheit neben Russen, Rumänen, Roma und Sinti, Slowaken und Deutschen.

In unseren Gesprächen wurde auf die wichtigen Fragen in den Bereichen Theologie, Ökumene und Diakonie ausführlich eingegangen. Auch die offensichtliche Zurücksetzung der Theologinnen bis hin zur Ablehnung der Frauenordination durch die Synode 2005 wurde intensiv diskutiert. Erfreulicherweise ist dieser Beschluss im vergangenen Jahr aufgehoben worden; dennoch besteht hier weiterer Klärungsbedarf. Zugleich wurde uns in diesen Tagen deutlich, wie schwer es diese Kirche auf ihrem Weg hat und dass sie der Unterstützung durch Besuch, Gebet und auch Hilfe zur Entwicklung und Umsetzung tragfähiger Konzepte für ihre Situation bedarf. Das Versprechen einiger junger Pfarrer, ihre Kirche nicht in Richtung Ungarn bzw. Europa zu verlassen, hat uns alle berührt. Die Mahlfeier am Konferenzende bildete nicht nur einen guten Abschluss, sondern war Zeichen unserer Verbundenheit und Ausdruck der Stärkung durch Gottes Geist, die wir alle immer wieder brauchen.

Pfr. Ulrich Barniske

Zurück