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Kenntnis – Zustimmung – Vertrauen

Das Wesen des christlichen Glaubens nach dem Heidelberger Katechismus


Was ist wahrer Glaube? Wahrer Glaube ist nicht allein eine zuverlässige Erkenntnis, durch welche ich alles für wahr halte, was uns Gott ins seinem Wort geoffenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.
Heidelberger Katechismus, Frage und Antwort Nr. 21


„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben“ fragt der „Heidelberger“, um dann den Herrschaftswechsel zu benennen, aus dem allein mir Trost und Halt zuteil werden: „Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesus Christus eigen bin“ - wie es in der alten Fassung heißt. Man kann den „Heidelberger“ deshalb mit Fug und Recht ein Trostbuch nennen, das den, der ihm lesend oder hörend folgt, der Heilstaten Christi gewiss macht und zu einem Leben in der Dankbarkeit anleitet. Dass ein Katechismus das zu leisten vermag – darüber mag es heute vielleicht manchen berechtigten oder unberechtigten Zweifel geben.
Die biblisch-theologische Sprache des „Heidelberger“ und die tief in der Auslegungs- und Deutungsgeschichte der christlichen Kirche verwurzelten dogmatischen Begriffe sind nur noch wenigen Menschen geläufig, geschweige denn vertraut. Doch gerade das macht die Beschäftigung mit dem Heidelberger Katechismus auch wieder spannend: im Heranziehen der jeweiligen Bibelstellen dem Sinn und der Bedeutung der Worte auf die Spur zu kommen, die den Kernbestand christlicher Glaubensaussagen bilden.
Für die Verfasser des „Heidelberger“ bildeten Kenntnis, Zustimmung und Vertrauen immer eine Einheit. Oder anders gesagt: der Glaube bedarf der Kenntnis davon, worauf ich denn im Glauben vertrauen kann. Die Zustimmung aber bedarf der ständigen (Selbst-) Prüfung anhand des Zeugnisses der Heiligen Schrift. Deshalb weist der Heidelberger Katechismus bei jeder Frage und Antwort auf die Bibel. Durch Auflistung verschiedener Bibelstellen gibt er dem Leser oder der Hörerin ein vademecum an die Hand zur Vergewisserung und Vertiefung – eine Methode, die der „Heidelberger“ mit anderen Katechismen seiner Zeit teilte und welche die Verfasser auf Geheiß des Kurfürsten übernahmen.
Erkennen, Anerkennen und Vertrauen gehören also im Glauben zusammen. Wenn der Akzent nur auf eine dieser drei Dimensionen gelegt wird, kommt es zu Verzerrungen mit der Folge, dass der christliche Glaube entweder seine Gesprächsfähigkeit verliert, also nicht mehr anschlussfähig ist gegenüber Naturwissenschaft, Gesellschaftstheorie und Philosophie, oder wegen einer falsch akzentuierten Innerlichkeit seine gestalterische Kraft in der Welt und für die Welt verliert.

Am Ende steht dann – wie heute in vielen Regionen der Welt zu beobachten, in denen die Zahl der christlichen Gemeinden rapide zunimmt – ein zwar „erwecktes“, aber sehr ich-bezogenes Christentum, das, seiner prophetischen Kraft beraubt, vor der Gefahr steht, nur noch falschen Trost zu verteilen.
Die Grundlinien des christlichen Glaubens lassen sich nämlich intellektuell und gedanklich nur dann erfassen, wenn man sich „in den Erzählzusammenhang des biblischen Wortes hineinbegibt“ und also „Teilhaber der biblischen Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft wird“, wie der reformierte Theologe Alfred Rauhaus diesen Vorgang treffend beschreibt – und diese Gemeinschaft wirkte immer an der Gestaltung der Welt mit, in Politik, Wirtschaft und Kultur.

„Nicht allein anderen, sondern auch mir“

Womit wir nun direkt bei der Frage Nr. 21 sind „Was ist wahrer Glaube?“. Der Heidelberger Katechismus beantwortet die Frage mit einem „nicht nur, sondern auch“; damit will er die – bereits ausgeführte – Dialektik kenntlich machen, die dem Glauben innewohnt.
Glaube ist zum einen: die intellektuell-kognitive Durchdringung alles dessen, was uns in der Bibel über das Handeln Gottes mitgeteilt wird; im optimalen Fall wird diese Durchdringung nicht nur von der Bereitschaft bestimmt sein, Wissen zu erwerben, sondern sich auch dem Anspruch auf Wahrheit zu stellen, der uns in den biblischen Zeugnissen entgegentritt; diese Bereitschaft aber wird geweckt, wenn die Fragenden auf Gesprächspartner treffen, die mit dem eigenen Beispiel für die Tragfähigkeit und Belastbarkeit des Glaubens stehen – die also mit ihrer Person für die Zustimmung zum Glauben stehen, die zweite Dimension des Glaubens. Die Erfahrungen, die in vielen Gemeinden mit „Glaubenskursen“ gemacht werden, belegen, dass solches möglich ist.
Der Heidelberger Katechismus beschreibt in der Frage 21 aber nicht nur die Bedingungen, unter den sich die Kommunikation des christlichen Glauben ereignet; er benennt auch das, was dem Menschen im Glauben zugeeignet wird: „dass nicht allein allen anderen, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt ist, aus lauter Gnade, allein um des Verdienstes Christi willen.“ Das ist die Kernbotschaft der Reformation, im strikten pro me auf den Punkt gebracht. „Nicht allein anderen, sondern auch mir“.
„Doch weiter als bis hier her kann religiöse Erziehung einen Menschen nicht führen“, konstatiert noch einmal Alfred Rauhaus, zu Recht. Denn hier zeigt sich nun dritte Aspekt des Glaubens, den der Heidelberger Katechismus als „herzliches Vertrauen“ bezeichnet. Dass ein Mensch die biblischen Zeugnisse intellektuell-kognitiv zu durchdringen vermag und sich von dem Wahrheitsanspruch herausfordern lässt – das alles liegt noch im Bereich des menschlich Möglichen. Dass sich Menschen in „herzlichem Vertrauen“ dem Glauben hingeben, das wirkt allein der Heilige Geist – durch das Evangelium.
An dieser Einsicht kommen auch wir im 21. Jahrhundert nicht herum. Hier liegt auch für uns die Grenze zwischen dem, was menschliches Handeln noch auszurichten vermag, und dem, was allein Gottes Tun ist. Immerhin birgt diese Einsicht auch die Hoffnung, dass Gott, zu seiner Zeit, auch in unserem vom Gewohnheitsatheismus geprägten Teil Europas der Gemeinde neue Glieder hinzufügen wird.

Bernd Krebs

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