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Besuchsreise nach Tschechien

Auf den Spuren der böhmischen Glaubensflüchtlinge
Eine kleine Gruppe aus unserer Gemeinde reiste im September mit Angehörigen der benachbarten Brüdergemeine nach Böhmen und Mähren zu den Wurzeln der drei Gemeinden (Böhmische Brüder, Böhmisch-Reformierte und Böhmisch-Lutheraner), die sich seit 1747 aus böhmischen Glaubensflüchtlingen in Berlin gebildet haben. Alle drei Gemeinden haben heute ihre Predigtstätten in Neukölln und beziehen sich auf ihre böhmische Herkunft, deren geschichtliche Anfänge in der böhmischen Reformation des ausgehenden 14. Jhs. zu suchen sind.
Bereits im 16. Jh. kam es immer wieder zu Verfolgungen der Brüder-Unität; im Jahre 1620 wurde sie während der Rekatholisierung Böhmens durch den Habsburger Kaiser Ferdinand II. verboten. Die Habsburger gelten durch die Unterdrückung des Protestantismus als Miturheber des Dreißigjährigen Krieges. Die evangelischen Böhmen, die an ihrem Glauben festhielten, wurden grausam verfolgt. Ein großer Flüchtlingsstrom ging unter Führung ihres späteren Bischofs Jan Amos Comenius 1628 nach Lissa (Leszno) in Polen. Andere flohen in die benachbarten evangelischen Territorien nach Sachsen und Preußen, um ihren Glauben frei leben zu können. Darunter waren auch diejenigen, die 1732 und 1737 nach Berlin und Rixdorf kamen.

Das erste Ziel unserer Reise ist Prag, wo wir herzlich von Mitgliedern der dortigen Brüdergemeine begrüßt, zur Burg begleitet, durch die Altstadt, zur Bethlehemskapelle und zum Denkmal des Jan Hus geführt werden. Jan Hus, der bekannteste Vertreter der böhmischen, Reformation, prangerte insbesondere den weltlichen Besitz des Klerus an, vertrat eine Kirche als hierarchiefreie Gemeinschaft, setzte sich leidenschaftlich für die Gewissensfreiheit der Gläubigen einzig und allein auf der Grundlage der Bibel ein und kämpfte für das Abhalten der Gottesdienste in der Landessprache und das Abendmahl in beiderlei Gestalt (Brot und Wein). Aufgrund dieser Glaubensinhalte, denen er auch unter Einlassung des damaligen deutschen Königs Sigismund nicht abschwören wollte, wurde er 1415 vom Konstanzer Konzil als Ketzer verurteilt und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet.


Denkmal für Jan Hus (1915) auf dem Altstädter Ring in Prag mit Nikolaikirche (1735)

Wir setzen die Reise nach Kunvald fort, wo 1457 die erste Gemeinde der Böhmischen Brüder entstand. Hier wurde im Jahre 1910 ein beeindruckendes Denkmal für Comenius errichtet. In einem kleinen Museum werden dem Besucher u. a. mit einem kleinen Film die historischen Hintergründe der Verfolgung der Glaubensbrüder sehr anschaulich vermittelt. In Potstejn können wir erleben, wie die Gemeindearbeit der Brüdergemeine in den vergangenen Jahre – trotz fehlender Helfer und konfisziertem Kirchengebäude – durch das Engagement des Pfarrers Vacovsky fortgesetzt wurde. Inzwischen ist der noch immer arg renovierungsbedürftige Betsaal zurückgekauft worden und mit Nadja Betakova als Unterstützung des Pfarrers aktives Gemeindeleben wieder möglich. Das nächste Ziel ist die Partnerstadt von Berlin-Neukölln, Ústí nad Orlicí, 150 km nordöstlich von Prag gelegen. Hier sind wir vom Bürgermeister zu einer kleinen musikalischen Feierstunde eingeladen. Im nahe gelegenen Brandys nad Orlicí betrachten wir ein Comeniusdenkmal und besuchen ein Natur-Labyrinth aus Buchenhecken, welches nach Ideen von Comenius (Labyrinth der Welt) gestaltet wurde. Im Rathaus des Ortes sind Dokumente u. a. über das Leben und Wirken sowie die Lehren des Comenius ausgestellt.
Der nächste Halt ist Horni Čermná, wo es zu einer herzlichen Begegnung mit Gemeindemitgliedern der Gemeinde der Ev. Kirche der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) kam. Hier konnten wir Reformierten hautnah miterleben, wie unsere Glaubensgeschwister aus der Rixdorfer Brüdergemeine von früheren Besuchen wieder erkannt und freudig begrüßt wurden. Fast war die Zeit zu kurz, um an der Kaffeetafel mit besonderen Leckereien die Wiedersehensfreude gebührend zu feiern. In Horni Čermná kam es zu einer wunderbaren Begegnung der besonderen Art. Auf unserer Reise in die böhmische Vergangenheit begleitet uns Jörg Weprajetzky aus Biesenthal, der durch Nachforschungen die böhmischen Wurzeln seiner Familie entdeckt hatte. Hier im Ort Horni Čermná gelang es mit Hilfe des jungen und sehr engagierten Pfarrers Jakub Keller und ansässigen Glaubensbrüdern, in einem ca. 20 km entfernten Dorf die Nachkommen der Familien Weprajetzky aufzuspüren. Spannend und aufregend war für Jörg Weprajetzky, der sich vor neun Jahren schon einmal auf die Suche nach seinen böhmischen Ahnen begeben hatte, das Wiederfinden des Hauses, in dem er damals mit einen älteren weißhaarigen Herrn gesprochen hatte. Nun beim Wiedersehen war er enttäuscht, dass dieser ihn nicht mehr erkannte. Mit ein paar Brocken Englisch und wenigem Deutsch insistierte er immer wieder: „Aber ich war doch hier, vor neun Jahren, ich habe dich doch gesprochen!“ Schon wollte er resignieren, als schließlich aus dem Nebengebäude ein identisch aussehender Mann trat, der Herrn Weprajetzky sofort wieder erkannte. Es war der Zwillingsbruder! Mit großer Freude wurden nun Stammbaum und Internetadressen ausgetauscht.Eine Dorfrundfahrt mit dem Bus und die Besichtigung des liebevoll gepflegten Gottesackers rundeten den Besuch ab.
Fulnek in Mähren, nahe der polnischen Grenze, überraschte uns mit einer schlichten, eindrucksvollen Gedenkstätte für Comenius. Hier werden wichtige Dokumente, die Einblick in das Leben der Gläubigen in Untergrund, in der Verfolgung und Flucht aufbewahrt.

Ingrid Otto, Rainer Thier, Gertraud Harmsen, Harald Otto und Gisela Hage vor dem Comeniusdenkmal in Kunvald

Südlich von Fulnek gelegen, in dem Ort Suchdol nad Odrou lernten wir eine Gedenkstätte kennen, die man als Kleinod bezeichnen könnte. In Privatinitiative ist hier sehr liebevoll ein Museum errichtet worden, dass in der Gebäudeansammlung an die Häuser der Böhmen n der Kirchgasse erinnert. Alltagsgegenstände und Arbeitsmittel der damaligen Zeit versetzen den Betrachter um Jahrhunderte zurück. In persönlichen Briefen und Schriftstücken aus der Diaspora in Europa und Übersee geben die Glaubensflüchtlinge Zeugnis von Auszug und Ankunft. Uns erschütterten die Berichte über die Lebens­bedingungen der Gläubigen aus der Zeit der Unterdrückung. Heute bringen Nachkommen der Böhmen aus aller Welt Stecklinge aus den verschiedenen Ländern an diesen Ort und pflanzen sie zum Gedenken in der Heimaterde ihrer Vorfahren ein. Jetzt ist auf einem ansehnlichen Areal ein kleines Wäldchen entstanden. Die Rixdorfer Gemeinde hat 2002 einen Walnuss-Steckling gepflanzt, aus dem inzwischen ein stattliches Bäumchen geworden ist. Uns hat sehr beeindruckt, wie kraftvoll der Glaube der Brüder-Unität in der ganzen Welt Verbreitung gefunden hat.

Der von der Rixdorfer Brüdergemeine gestiftete Walnussbaum und die dazugehörige Tafel.

Die letzte Station unserer Reise war Turnov. Auch hier kam es zu einer herzlichen Begegnung mit der dortigen Gemeinde der Brüdergemeine innerhalb der Ev. Kirche der Böhmischen Brüder. Auf der wunderschönen Terrasse des Gemeindehauses war wiederum ein Imbiss vorbereitet. Pfarrer Ondrej Halama berichtete im inzwischen ansehnlich renovierten Gemeindehaus über die Aktivitäten mit der Jugend, auch über die politische Arbeit im Rat der Stadt, über seine Tätigkeit als Lehrer und seine persönlichen Erfahrungen mit Gott während der Zeiten des Sozialismus.
Neben den Geschenken der ausrichtenden Brüdergemeine konnten wir bei unseren Besuchen den von unserem Herrn Dr. Liegl neu herausgegebenen deutsch-tchechischen Katechismus sowie die Broschüre „Auszug und Ankunft“ von Ursula Bach überreichen.
Eine sechstägige, 1500 km lange, informationsreiche und auch fröhliche Reise ging zu Ende. Es war schön, gemeinsam unterwegs zu sein. Pfarrer Kreusel, der die Reise leitete, hatte ein kleines Heftchen mit böhmischen Liedern vorbereitet, die unterwegs im Bus und auch an den diversen Gedenkstätten und Kirchen gerne von uns allen gesungen wurden.
Ein Wiedersehen mit den tschechischen Geschwistergemeinden wird es im Juni 2012 in Berlin anlässlich des 275-jährigen Jubiläums der Brüder-Unität geben. Wir freuen uns darauf. – Dekui, na sledanú!
Gertraud Harmsen, Gisela Hage

 

 

 

 


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