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Christentum und Islam

Der Buchstabe tötet,
aber der Geist macht lebendig.
(2 Kor 3,6)

So wie das Christentum aus dem Judentum entstanden ist, verbindet der Islam neben persischen Einflüssen „die starken Seiten des Judentums und des Christentums: Loyalität gegenüber den Verhaltensregeln der eigenen Gruppe und ein uneingeschränkter Enthusiasmus für Ausbreitung und Expansion.“ (Hans Jansen).
Alle drei Religionen berufen sich auf den Stammvater Abraham, er kann gewissermaßen als die „theologische Klammer“ gesehen werden, welche die drei verbindet. Alle Juden sind Kinder Abrahams, aufgrund des Bundes, den Gott mit Abraham geschlossen hat (1 Mose 17,4–6). Durch den Glauben an Jesus Christus – dem Angehörigen des jüdischen Volkes – haben alle Menschen Anteil an der Gotteskindschaft, dem Segen der auf Abraham ruht: „… und Segen sollen durch dich erlangen alle Sippen der Erde“ (1 Mose 12,3). Der Islam beruft sich auf Ismael, Sohn der Magd Hagar und Abrahams. Auch Ismael wird – wie seinem Vater – eine große Nachkommenschaft verheißen (1 Mose 16,10). Gottes Bund mit Abraham gilt aber ausdrücklich nur für seinen Sohn Isaak, nach ihm sollen Abrahams Nachkommen benannt werden (1 Mose 21,12). (Aus muslimischer Sicht liegt hier wohl eine der Verfälschungen des Wortes Gottes vor, die durch die Offenbarung des Korans beseitigt werden – siehe unten.) Abraham gilt als erster Prophet nach Adam, da er „Anhänger des rechten Glaubens“ und „Freund Allahs“ war (Koran [arab. Qur’ân], Sure 4,125).
Jesus (arab.’Îsâ), „Sohn der Maria [arab. Maryam]“ (Sure 4,157), ist nach islamischer Auffassung der vorletzte Prophet, er kündigt einen Gesandten Gottes an, der „nach mir kommen und dessen Name Ahmad sein wird“ (Sure 61,6). Ahmad bedeutet wie auch Mohammed (arab.Muhammad) ‚der Gelobte‘‚ der ‚Gepriesene‘. Für die arabischen Christen ist Ahmad derselbe wie der ‚Paraklet‘ (griech. parákletos, ‚der Herbeigerufene‘), der ‚Tröster‘ (Luther), ‚Fürsprecher‘ (Zürcher Bibel), ‚Beistand‘ (Einheitsübersetzung)‚ der „Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht“ (Joh 15,26), d. h. der Heilige Geist. Durch ihn wirkt Gott in der Welt.
Zwar wird Jesus im Koran als Messias bezeichnet, mit dem Kreuzestod kann der Islam jedoch nichts anfangen – ebenso wie mit der Vorstellung dass Gott Mensch geworden ist und Leiden und Tod als Sühne für die Sünde der Menschen auf sich nimmt. Der Tod Jesu am Kreuz wird folgerichtig geleugnet, als Sinnestäuschung abgetan: „Und weil sie sprachen: ‚Siehe, wir haben den Messias Jesus, den Sohn der Maria, den Gesandten Allahs getötet‘ – doch sie töteten ihn nicht und kreuzigten ihn nicht (zu Tode), sondern es erschien ihnen nur so – (darum straften Wir sie [die Juden; die Römer kommen im Koran nicht vor; d. V.]). Und siehe, diejenigen, die darüber uneins sind, sind wahrlich im Zweifel über ihn. Sie wissen nichts davon, sondern folgen nur Vermutungen. Und Sie töteten ihn mit Gewissheit nicht“ (Sure 4,157).
Mohammed gilt als der letzte Prophet, das „Siegel der Propheten“ (Sure 33,40). Seine Mission wird wie folgt beschrieben: „Sprich: ‚O ihr Menschen! Seht, ich bin für alle von euch ein Gesandter Allahs, Dessen das Reich der Himmel und der Erde ist. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Er macht lebendig und lässt sterben. Darum glaubt an Allah und Seinem Gesandten, dem Propheten, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, und an Seine Worte und folgt ihm, damit ihr rechtgeleitet seid“ (Sure 7,158). Der Hinweis, er sei des Lesens und Schreibens unkundig, soll offensichtlich bekräftigen, dass die von Mohammed empfangene Offenbarung direkt von Gott durch den Engel Gabriel erfolgt ist und er sie nicht aus vorhandenen schriftlichen Quellen geschöpft haben kann.
Die Offenbarung an Mohammed ist das heilige Buch, der Koran, der von Anfang an bei Gott ist, der spricht: „Bei dem deutlichen Buch! Siehe, Wir machten ihn zu einem arabischen Koran, damit ihr verstehen möget. Und er ist fürwahr in der Urschrift bei Uns – eine erhabene und weise“ (Sure 43,2–4).
Tora und Evangelium werden zwar als heilige Schriften anerkannt, jedoch sind sie angeblich voller Fälschungen der Juden und Christen des ursprünglichen Textes: „Und Wir sandten zu dir in Wahrheit das Buch hinab, (vieles) bestätigend, was ihm an Schriften vorausging, und (über ihren Wahrheitsgehalt) Gewissheit gebend. Darum richte zwischen ihnen nach dem, was Allah hinabsandte. Folge nicht ihren Neigungen, um nicht von der Wahrheit, die zu dir gekommen ist, abzuweichen“ (Sure 5,48).
Judentum, Christentum und Islam haben grundlegend verschiedene Auffassungen von Offenbarung. Für Juden offenbart sich Gott in der Geschichte des Volks Israel; im Mittelpunkt steht die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft. Für Christen offenbart sich Gott in der Person Jesu Christi, Gottes Sohn, in dem Gott Mensch geworden ist. Im Zentrum der Ethik bei Juden und Christen steht das Doppelgebot der Liebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit all deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27, zitiert nach 5 Mose 6,5 und 3 Mose 19,18). Das eigene Verhalten soll stets kritisch reflektiert werden, die innere Haltung, der Glaube, ist entscheidend, nicht die äußere Befolgung der Gebote (Bergpredigt!). Glauben heißt Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes. Die heiligen Schriften, gesammelt in der Bibel, sind Zeugnisse der Erfahrung von Menschen mit Gott, von Menschen geschrieben in ihrer Zeit.
Für Muslime offenbart sich Gott im Koran, dem heiligen Buch, „eindeutig klare Verse, die Mutter des Buches“ (Sure 3,7). Der Geist Gottes ist zum Buch geworden. Es bedarf des Wirkens Gottes nicht, denn die Gläubigen haben den Koran als verbindliche Grundlage für ihren Glauben und ihr Handeln. Vorbild für das eigene Leben ist das des Propheten, welches in seiner Biographie, der sîra, niedergelegt ist. Nach islamischer Überlieferung soll Mohammed von 570–632 gelebt haben, als wichtigstes Datum gilt die Übersiedlung von Mohammed und seinen Anhängern die Übersiedlung von Mekka nach Yatrib (Medina) im Jahre 622, dem Beginn der islamischen Zeitrechnung. Freilich gibt es dazu keine außerislamischen Quellen, die ersten schriftlichen islamischen Zeugnisse stammen aus dem 8. Jahrhundert. Autor der ersten Biographie ist Muhammad Ibn Ishâq (704–767/768), alle späteren Biographien beruhen auf ihr, deren Text allerdings nicht im Original erhalten ist. Diese Biographie scheint in erster Linie ein Glaubenszeugnis zu sein und dient weitgehend dazu, vom Leben des Propheten aus den Koran zu erklären.
Als wichtigste Richtschnur für das alltägliche Leben der Muslime gilt die mündliche Überlieferung zum Leben des Propheten, die hâdith, niedergelegt in verschiedenen Sammlungen, zusammen mit der sîra bilden sie die sunna. Jeder Lebensbereich soll abgedeckt werden, vom Zähneputzen bis zum Medizinstudium. Entsprechend wird von den Gläubigen laufend Gehorsam dem göttlichen Gebot gegenüber gefordert: „Und Sein ist, was in den Himmeln und auf Erden ist, und Ihm gebührt ständiger Gehorsam (Sure 16,52).“ Permanent wird im Koran die Belohnung des Paradieses für gehorsames Verhalten versprochen und mit schwerer Bestrafung in der Hölle für Ungehorsam gedroht – die Hölle wird ca. 150 mal im Koran erwähnt. Abrünnigen vom Glauben ist der Platz in der Hölle sowieso sicher.

 

Da der Koran nach islamischer Auffassung kein von Menschen in ihrer Zeit verfasstes Zeugnis ihrer Erfahrung mit Gott sein soll, sondern dessen originales Wort, ist der Fundamentalismus im Islam bereits systembedingt angelegt. Sicher gibt es unterschiedliche Lesarten des Korans, aber der Fundamentalismus der Salafısten bzw. Wahabiten, deren rückwärtsgewandtes Ideal die Zeit der sog. rechtgeleiteten Kalifen nach Mohammed – von denen drei ermordet wurden – ist eben auch eine der möglichen Lesarten des heiligen, verbindlichen Wortes Gottes. Und damit wird die barbarische mittelalterliche Justiz in Saudi Arabien (siehe Sure 5,38) oder der erbarmungslose Terror des sog. Islamischen Staates gerechtfertigt, denn Erbarmen gibt es nur für die Gläubigen, bzw. für diejenigen, die sich dem Terrorregime unterwerfen. Auch Muslime, die sich dem nicht unterordnen wollen, werden als Ungläubige verfolgt.
Weltweit ist der konservative Islam auf dem Vormarsch, nicht zuletzt von den Ölmilliarden Saudi Arabiens gesponsert. Die islamischen Verbände hierzulande bilden keine Ausnahme. Die an deutschen Universitäten von aufgeschlossenen islamischen Professoren ausgebildeten Imame haben wenig Chancen angestellt zu werden. Theologen wie der Münsteraner Lehrstuhlinhaber Mouhanad Khorchide werden angefeindet.
Immer wieder hat es in der islamischen Tradition auch Freidenker gegeben, wie die Schule der Mutaziliten, die den Koran nicht als ewig, sondern von Gott geschaffen ansahen und deshalb ihn auch mit den Mitteln der Vernunft beurteilen zu können meinten, denn die Vernunft käme auch von Gott. Mit dem Niedergang der arabischen Philosophie, nachdem sich die orthodoxe Geistlichkeit im 11. Jahrhundert gegen sie und ihren Anspruch der Vernunft durchgesetzt hatte, sanken auch die Mutaziliten in die Bedeutungslosigkeit.
Da der Text des Korans als geoffenbartes Wort Gottes gilt, kann er nach Meinung des vorherrschenden konservativen Islam nicht wissenschaftlich – philologisch und historisch – untersucht werden. Ein textkritisches Verfahren ist ausgeschlossen, zu schnell kann der Betreffende in den Verdacht der Gotteslästerung kommen, was schlimme Folgen für Leib und Leben haben kann. Bei Muslimen ist es halt mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis nicht getan, wie bei den christlichen „Häretikern“. Um nicht in den Verdacht der „Islamophobie“ zu kommen hat sich die westliche Islamwissenschaft zum größten Teil dem vorherrschenden islamischen Textverständnis angepasst. Dabei scheint eine textkritische Untersuchung geboten, denn es gibt viele sog. dunkle Stellen im Koran, die sehr schwer zu interpretieren sind, wenn der Rahmen der arabischen Sprache nicht verlassen werden soll. Vieles kann jedoch erklärt werden, wenn Begriffe vom Aramäischen her untersucht werden. Aramäisch war in der Antike bis ins frühe Mittelalter die vorherrschende Verkehrssprache im groß-syrischen Raum, mit dem Arabischen ist es eng verwandt, ähnlich wie das Niederländische mit dem Deutschen. Wenn es beispielsweise von den Paradiesbewohnern heißt: „Wir vermählen sie mit großäugigen Gefährtinnen“ (Sure 52,20) „und [haben] sie zu Jungfrauen gemacht“ (Sure 56,36) steht dies im Widerspruch zu den vielen Suren, in denen versprochen wird, dass die Gläubigen mit ihren Ehegatten ins Paradies kommen (Suren 36,56; 40,8; 43,70 u. a.). Wenn die „dunklen Stellen“ im Text dagegen vom Aramäischen her gelesen werden, dann sind die Paradiesjungfrauen helle Trauben, die den Gläubigen und ihren Ehegatten im Paradiesgarten in den Mund wachsen.
Ein weiteres Problem ist die Sprache des Koran, die arabische Hochsprache, die mit den im Alltag gesprochenen Dialekten wenig zu tun hat. Sie ist die „heilige göttliche Sprache“, deren poetische Qualität und Schönheit als Ausdruck der Wahrhaftigkeit des Textes als göttliche Offenbarung gesehen wird. Aus diesem Grunde gibt es auch kein etymologisches Wörterbuch (Herkunftswörterbuch) der arabischen Sprache, denn wie könnte sie zu verwandten semitischen Sprachen wie Hebräisch oder Aramäisch eine wechselseitige Beziehung und Beeinflussung haben? Die Sakralisierung der arabischen Sprache verhindert die Trennung von staatlicher und religiöser Sphäre. Die Vorstellung von zwei Reichen nach Mt 22,21 – „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ – kennt der Totalitätsanspruch des Islams nicht. Im Gegenteil, die Religion wird häufig zur staatlichen Unterdrückung instrumentalisiert. Die Dualität von staatlicher und religiöser Rechtsordnung (Scharia) führt hierzulande zur Etablierung von Parallelgesellschaften, die davon ausgehen, der staatlichen Ordnung und den gesellschaftlichen Umgangsformen von nichtmuslimischen Gesellschaften keinen Respekt entgegenbringen zu müssen; beispielsweise wenn in Neukölln muslimische Halbwüchsige meinen, Frauen vorschreiben zu können, wie sie sich in der Öffentlichkeit zu kleiden haben – und darin auch noch von manchen deutschen „kultursensiblen“ Feministinnen unterstützt werden. Insgesamt teilt der Islam die Menschheit ein in das „Haus des Islams“ (arab. Dār al-Islām), bzw („Haus des Friedens“ ((arab. Dār al-sâlâm), das sind die Gebiete unter islamischer Herrschaft, und das „Haus des Krieges“ (arab. Dâr al-Harb), das sind die Gebiete in denen die sog. Ungläubigen das Sagen haben. Diese Einteilung steht jedoch weder  im Koran noch in er mündlichen Überlieferung (Sunna), sondern geht auf den Begründer der hanafitischen Rechtsschule, den islamischen Rechtsgelehrten Abu Hanifa (699-767) zurück.
Zu einem echten Dialog zwischen den Religionen gehört nicht nur, sich der Gemeinsamkeiten aufgrund gemeinsamer Herkunftsüberlieferungen zu versichern und christliche Selbstkritik wegen den Kreuzzügen und dem Kolonialismus zu üben, sondern auch klar zu sehen, worin unterschiedliche Auffassungen bestehen. Dafür muss man sich der eigenen Glaubensauffassungen gewiss sein und selbstbewusst den eigenen Standpunkt vertreten.

Günther Matthes


Als weiterführende Literatur sei die Dissertation von Andras Götze empfohlen, dem Beauftragten der Landeskirche für den interreligiösen Dialog. Hier wird u. a. auch ausführlich auf das Christusverständnis der syrischen bzw. arabischen Christen eingegangen.
Andreas Götze: Religion fällt nicht vom Himmel.
Die ersten Jahrhunderte des Islams. Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2014

Der niederländische Arabist Hans Jansen hat eine kritische Mohammed-Biographie vorgelegt.
Hans Jansen: Mohammed. Eine Biografie. München (C. H. Beck) 2008

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