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Dämon Antikommunismus?

Im Nachruf der Aktion Sühnezeichen auf den Tod von Rudolf Weckerling, abgedruckt im letzten Gemeindebrief, war die Rede von den „Dämonen kirchlicher Kriegsbegeisterung oder zumindest Treue zu einem verbrecherischen Staat, des Antisemitismus und des Antikommunismus“ (Gemeindebrief April/Mai 2014, S. 10). Wenn wir heute Dämonie begreifen als „ideologische Verfestigungen, … Mächte und Gewalten, die Herz und Denken des Menschen beherrschen“ (der katholische Theologe Peter Hünermann im ‚Tagesspiegel‘ vom 20. 4. 2014), so sind damit die Übel unserer eigenen Geschichte im 20. Jh. großenteils treffend benannt. August Bebel konnte um 1900 den Antisemitismus noch als „Sozialismus der dummen Kerls“ (Ferdinand Kronawetter) verspotten. Angesichts der monströsen Folgen dieser Ideologie mit den sechs Mio. Opfern der Shoah ist uns das Lachen vergangen.
Was soll aber der Antikommunismus in der Folge dieser Übel? Sicher, die Sowjetunion trug die Hauptlast bei der Niederwerfung des Nazi­faschismus, viele Kommunisten leisteten gegen die Nazis heldenhaften Widerstand. Bereits in den 20er/Anfang 30er Jahre standen KPD und NSDAP in scharfer Gegnerschaft, es gab in den Auseinandersetzungen Tote auf beiden Seiten. Der Hauptfeind beider Parteien im Kampf gegen die Weimarer Demokratie war aber die Sozialdemokratie: für die NSDAP als die stärkste Kraft der organisierten Arbeiterbewegung die Hauptstütze des verhassten Weimarer „Systems“, für die Kommunisten die „Sozialfaschisten“. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn beide Parteien auch paktierten: so 1931 im Volksbegehren gegen die sozialdemokratische Preußenregierung oder im BVG-Streik 1932. Als der Versuch eines Bündnisses mit Großbritannien scheiterte, schloss Hitlers Außenminister Ribbentrop im August 1939 den berüchtigten Nichtangriffspakt mit Stalin (auch Molotov-Ribbentrop-Pakt genannt), der Ostmitteleuropa vom finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer in altbekannter imperialistischer Manier teilte und somit Hitler im Osten den Rücken frei hielt, um gegen Polen loszuschlagen, wodurch der Zweite Weltkrieg ausgelöst wurde. Gleichzeitig besetzte die Rote Armee die östlichen Gebiete Polens mitsamt dem finnischen Karelien, den baltischen Staaten (erst seit 1918 unabhängig) und 1940 Bessarabien (ungefähr das heutige Moldawien). Wieder wurde, wie bereits im 18. Jh., Polen von der Landkarte getilgt. Die Nazis wollten die Polen – sofern sie sich nicht „germanisieren“ ließen – zu einem Reservoir von ungebildeten Arbeitssklaven erniedrigen, die Kommunisten brachten u. a. 1940 etwa 4400 gefangene polnische Offiziere in Katyn nahe Smolensk um. Bis zum Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 hielt die räuberische Allianz.


Quelle: Wikipedia

Im kommunistischen Machtbereich gab es keine industrielle Vernichtung von Menschen wie in den Todesfabriken des Nazifaschismus. Durch die gewaltsam durchgesetzte Industrialisierung der Sowjetunion fand Vernichtung von Menschen durch Arbeit in dem flächendeckenden KZ-System der Zwangsarbeitslager des Gulag von Workuta im äußersten Norden des europäischen Rußlands, über Kasachstan bis zur Halbinsel Kam­tschatka im fernen Osten allemal statt. Die Arbeiterschaft war sozial differenziert wie in keinem kapitalistischen Land, geringste Disziplinverstöße zogen Verurteilung zu Lagerhaft nach sich. Gleichzeitig tönte die Propaganda: „Die Arbeit verwandelte sich aus Zwang und Fron, die sie unter dem Kapitalismus war, ‚in eine Sache der Ehre und Würde, des Ruhms und des Heldentums‘ (Stalin)“ (Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion [Bolschewiki] von 1938).

Karikatur von Davil Low in der englischen Zeitung Evening Standard vom 20. 9. 1939 („Der Abschaum der Menschheit, wenn ich nicht irre?“ – „Ich vermute, der blutige Arbeitermörder?“; „Polen“)

Jenseits allen wohltönenden ideologischen Wortgeklingels bedeutete die Realität des Sozialexperiments Kommunismus Einparteien­diktaur, Massenterror, totale Willkürherrschaft, Geschichtsklitterung, grauenhafte Hungersnöte während der Kollektivierung der Landwirtschaft Anfang der 30er Jahre in der Sowjetunion bzw. dem „Großen Sprung nach vorn“ in den 50er Jahren in der VR China, Vergeudung von Ressourcen, mangelhafte Versorgung der Bevölkerungen mit Konsumgütern, gigantische Umweltzerstörung – der ehemals fischreiche Aralsee ist heute weitgehend eine Salzwüste. Sicher, in der DDR waren die Zustände nicht mehr so terroristisch wie in der Stalinschen Sowjetunion, sie war eher eine „kommode Diktatur“, wie Günter Grass in den 80er Jahren zu befinden meinte; wie „kommod“, davon kann sich jeder in der Gedenkstätte im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Hohenschönhausen ein Bild machen …
Es gab im 20. Jh. eben nicht nur die faschistisch-totalitären Systeme in unterschiedlicher Ausprägung, sondern auch den kommunistischen Totalitarismus mit seinem Anspruch auf die totale Verfügbarkeit über Menschen. Dem gegenüber stellte vor 80 Jahren die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen klar fest: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen“ (aus der 5. Barmer These). Das sind nicht nur klare Worte gegen die Anmaßung des nationalsozialistischen deutschen Staates, sondern auch gegen die Anmaßung des „realexistierenden Sozialismus“.
Nicht der Anti­kommunismus ist ein „moderner Dämon“, sondern Ideologie und Praxis des Kommunismus, ein System aus Terror und Lüge. Wie ein Genosse nach den Enthüllungen Chruschtschows 1956 über Stalins Terror gegen die alten Kader der bolschewistischen Partei verzweifelt meinte: „Alles, was wir bis dahin als Hetze und Verleumdung [der antikommunistischen Propaganda – d. V.] abgetan hatten, erwies sich auf einmal als Realität. Ja wie denn nun, hatte etwa der Klassenfeind die Realität erfunden um der Partei zu schaden?“

Günther Matthes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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