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Der seelenlose Mensch?

Es gibt keine Seele. Es gibt nicht einmal ein substantielles Selbst des Menschen. So urteilte vor einiger Zeit ein deutscher Philosophieprofessor in einer bekannten Wochenzeitung. Er berief sich dabei auf Ergebnisse der Neurowissenschaften.
Besonnene Neurowissenschaftler dagegen warnen vor voreiligen Schlüssen. Die Neurowissenschaften seien, so schrieb einer ihrer führenden Köpfe in derselben Zeitung, weit davon entfernt, die Komplexität von Lebensphänomenen wie Bewusstsein, Freiheit, Liebe oder Glück aufzulösen. Zwar gelänge es der Neurowissenschaft immer besser, mithilfe bildgebender Verfahren darzustellen, wo sich im menschlichen Gehirn Lern- und Gedächtnisleistungen und emotionale Erfahrungen vollziehen. Bei den bunten Bildern, die die Prozesse im Gehirn abbilden, handele es sich bisher aber nur um komplexe mathematische Konstrukte. Außerdem sind die Ergebnisse uneinheitlich und widersprüchlich.
Im 16. Kapitel des Matthäus-Evangeliums wird uns ein Wort Jesu überliefert. Es lautet: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“. Ist es heute noch angemessen, in solcher Weise vom Menschen zu sprechen? Geraten wir als Christen nicht in Widerspruch zu den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften, wenn wir ein solches Bild vom Menschen zeichnen? Wer sich in die weiteren Jesusworte vertieft, die Matthäus in seinem Evangelium gesammelt hat, wird schnell erkennen: es geht Jesus um grundlegende Fragen, auf die jeder Mensch eine Antwort finden muss. Dabei spielt es keine Rolle, wo innerhalb des Körpers diese Antworten gefunden und formuliert werden, ob im Gehirn, in der ‚Seele‘ oder sonst wo. Denn das unterscheidet den Menschen von anderen Geschöpfen. Der Mensch lebt nicht nur im Augenblick, sondern auf einer Zeitachse. Er wird sich dessen bewusst, dass seine Lebenszeit begrenzt ist.

Diese Erkenntnis aber stellt ihn vor die Frage, was der Sinn und das Ziel seines Lebens ist. Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben Philosophie und Religion hierzu unterschiedliche Antworten gegeben. Die Antwort der jüdisch-christlichen Tradition lautet: der Mensch, der seinen Lebenssinn darin sucht, Geld, Macht, Einfluss und Ehre anzuhäufen, verfehlt seine Bestimmung. Denn er sorgt sich um Dinge, die seinem Leben keine „Spanne hinzufügen“ (Mt. 6,27) werden.
Entscheidend ist vielmehr die Erkenntnis, dass der Anfang und das Ziel des menschlichen Lebens außerhalb seiner selbst liegen: Gott ist die „Quelle des Lebens“ (Psalm 36,10). Darum braucht der Mensch nichts anderes zu tun, als Gott zu vertrauen, der allein seinem Leben Sinn und Ziel verleiht. Wer aber seinem Leben selbst nicht den letzten Sinn geben muss, der wird gelassener im Umgang mit der begrenzten Zeit wie im Umgang mit seinem Nächsten und allem irdischen Besitz.
Er oder sie kann sich getrost auf den Nächsten einlassen, sich hingeben und Hingabe erleben, ohne klammern und festhalten zu müssen, was niemand festhalten und über den Tod hinaus mitnehmen kann. Man könnte das Wort Jesu deshalb auch so übersetzen: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und darüber seine Bestimmung verliert.
Was auch immer die Neurowissenschaft an Erkenntnissen noch zutage fördern wird – der Streit darüber, was die Bestimmung des Menschen ist, muss und wird weiter geführt werden, auch mit den Philosophen. Denn wozu wäre eine Philosophie noch nütze, die die Existenzfragen an die Neurowissenschaften delegierte statt selbst Antworten zu formulieren? Sie hätte ihre Bestimmung verloren.
Bernd Krebs

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