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Die Bethlehemskapelle in Prag – Namensgeberin unserer Gemeinde

Emigranten nehmen oft ein Stück der alten Heimat mit in ihre neue – und wenn dies nur symbolischen Charakter hat. Ein solches Zeichen war der Name für die 1737 eingeweihte Bethlehemskirche in der Mauerstraße für die über Sachsen nach Berlin gekommenen böhmischen Glaubensflüchtlinge. Was für die lutherisch geprägten Protestanten (und für viele evangelischen Christen in Deutschland überhaupt) die Schlosskirche in Wittenberg ist, das ist die Bethlehemskapelle – Betlémská Kaple – in Prag für die tschechischen Protestanten. Darüber hinaus ist sie aber auch ein Kulturdenkmal für alle Tschechen, unabhängig von Konfession und Glaube.

Im 14. Jahrhundert erlebte Prag die erste Blüte in seiner Geschichte als Residenz des böhmischen Königs und Kaisers Karl IV. (als zweite Residenz wählte er übrigens Tangermünde an der Elbe um Böhmen etwas näher „ans Meer“ zu bringen). 1348 erfolgte die Gründung der Prager Universität, der ersten in Mitteleuropa. Gleichzeitig wurde mit der Anlage der Neustadt südöstlich der Altstadt begonnen. War die Altstadt (seit 1230 Stadtrecht) mit ihrem Zentrum um den Altstädter Ring die Stadt der zumeist deutschen Kaufleute, so war die Neustadt mit dem Ross- und Viehmarkt (heute Wenzels- und Karlsplatz) die Stadt der Handwerker, vor allem der Schmiede, Schlosser, Gerber, Bienenzüchter, Bierbrauer etc.

Die Lage der Bethlehemskapelle in Prag im Süden der Altstadt

1391 stifteten der Krämer Jan Křiž und der Ritter Hannes von Mühlheim die Bethlehemskapelle im Süden der Prager Altstadt. Was diese Gründung von anderen frommen Stiftungen unterschied, war die ausdrückliche Festlegung auf die tschechische Sprache in der Predigt. Trotz seiner Größe – fast 3000 Menschen fanden hier Platz – wurde der Bau nur als Kapelle bezeichnet, denn er war nie Pfarrkirche, war keinem Heiligen geweiht , besaß keinen Altar, kein Chor trennte die Geistlichen von den Gottesdienstbesuchern. Die Priester durften keine prunkvollen Gewänder tragen und mussten sich beim Gebet den Gläubigen zuwenden, während der Predigt hatten sie auf Fragen und Zurufe der Anwesenden einzugehen. Gemeinsam wurde gesungen, vor allem Psalmen. Wegen seiner Größe wurde der Bau auch für Disputationen der Universität genutzt.

Von 1402 bis zu seiner Flucht 1412 predigte Jan Hus in der Bethlehemskapelle. Hus, um 1370 vermutlich in Husinec bei Prachatice im südwestlichen Böhmen geboren, studierte ab 1386 in Prag, wurde 1396 Magister, 1400 zum Priester geweiht, 1402 Professor an der Universität, 1409/10 auch ihr Rektor; von 1403–08 war er Synodalprediger. Beeinflusst von den Schriften John Wiclifs (um 1330–1384) predigte Hus gegen den weltlichen Besitz der Kirche, die Machtstellung der Geistlichen, gegen die Verweigerung des Kelches für die Masse der Gläubigen und berief sich auf die alleinige Autorität der Bibel gegen das Unfehlbarkeitspostulat der Päpste.

Da in Böhmen, als damaligem Kernland des Reiches, Deutsche in Kirche und Universität hohe Stellungen innehatten, verband sich Hus' Kritik an dem Machtmissbrauch der Kirche mit der Kritik an der tatsächlichen oder vermeintlichen deutschen Bevormundung der Tschechen; zum ersten Mal kam so etwas wie ein tschechisches Nationalbewusstsein auf. Im Lauf dieser Auseinandersetzungen erfolgte 1409 der Auszug der deutschen Professoren und Studenten aus Prag und die Gründung der Universität Leipzig.

Der Andrang der Gläubigen zu Hus Predigten war dermaßen groß, dass er sie sonntags bis zu fünf Mal halten musste; selbst Königin Sophie, die zweite Frau Wenzels IV., gehörte zu seinen Zuhörern. Nach seiner Vertreibung aus Prag wirkte Hus unter dem Schutz tschechischer Adliger als Prediger in Südböhmen weiter. Dort trug er auch maßgeblich an der Übersetzung der Bibel ins Tschechische bei, auch führte er das diakritische Zeichen Caron, bzw. Haken oder Hatschek zur Kennzeichnung der harten und weichen Zischlaute č, ř, š und ž in der tschechischen Sprache ein. Unter Zusicherung freien Geleits durch König Sigismund wurde Hus dann 1414 zum Konzil nach Konstanz geladen und dort im Jahr drauf als Ketzer verurteilt und hingerichtet.

Dieser königliche Wortbruch und kirchliche Justizmord führte bald zum Volksaufstand in Böhmen, ausgelöst durch den ersten Prager Fenstersturz 1419 (der zweite von 1618 löste bekanntlich den Dreißigjährigen Krieg aus), als aufgebrachte Anhänger von Hus die deutschen Schöffen aus einem Fenster des Neustädtischen Rathauses warfen.

Die Bethlehemskapelle in Prag, erbaut um 1400, rekonstruiert 1948–1954

Die nachfolgenden Hussitenkriege bis 1434 griffen weit über Böhmen hinaus, sogar Bernau bei Berlin wurde noch von einem hussitischen Heer belagert. Die hussitische Bewegung zerfiel bald in einen gemäßigten und einen radikalen Teil, den Taboriten, die jegliche nachbiblische kirchliche Tradition verwarfen. Aus dem Vergleich der gemäßigten Anhänger von Hus mit der römischen Kirche auf dem Baseler Konzil von 1433 ging die Utraquistische Kirche als von Rom geduldete böhmische Landeskirche hervor, in der das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also mit dem Laienkelch, ausgegeben wurden. Diese Form der Kommunion wurde von Hus' Nachfolger, Jakoubek von Střbro, auch in der Bethlehemskapelle eingeführt.

Unterdessen war in den kargen ländlichen Gebieten Nordostböhmens, um die Städte Mladá Boleslav, Litomyšl und Landškroun eine neue religiöse Bewegung entstanden, die den völligen Gewaltverzicht predigte, eine Gemeinde Christi abseits von menschlichen Institutionen und gleichberechtigte Laiengemeinschaft, die böhmische Brüderkirche, ab 1467 Unitas Fratrum, Brüder-Unität genannt. Ab 1500 gewann sie in Böhmen und Mähren immer mehr Anhäger, 1575 wurde sie in die einheitliche evangelische Kirche Böhmens (Confessio Bohemica) aufgenommen; selbst viele Mitglieder des Adels und Hochadels traten ihr bei. 1609 wurde ihr Zentrum die Prager Bethlehemskapelle.

Die Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620 brachte für Böhmen (und Mähren), das bis dahin ein mehr oder weniger selbständiges Königreich innerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation war, das Ende der Autonomie. Damit war es auch mit der durch den Majestätsbrief von 1609 durch Kaiser Rudolf – der wie Karl IV. auch in Prag residierte – verbürgten Religionsfreiheit vorbei. Böhmen und seine Nebenländer wurden den habsburgischen Erblanden fest einverleibt. Etwa die Hälfte des adligen Grundbesitzes wurde enteignet und an habsburgtreue, z.T. landfremde Geschlechter – dem sog. Schwertadel – verteilt, die Ständeverfassung im absolutistischen Sinne umgestaltet, die Hofkanzlei nach Wien verlegt und damit Prag zur Provinzstadt degradiert. Mit der Ausweisung der protestantischen Pfarrer setzte die z.T. gewaltsame Rekatholisierung ein, was zur Auswanderung von 150.000 Protestanten führte. In die durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges verwüstete Randgebiete Böhmens wanderten überwiegend katholische Deutsche ein. Deutsch wurde alleinige Verwaltungssprache, die Sprache der Gebildeten; die tschechische Sprache verkümmerte als Sprache der Unterschicht und der Bauern. Tschechische Gymnasien, geschweige denn Hochschulen, gab es selbst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert nicht. Die im 17. und 18. Jahrhundert in Böhmen errichteten neuen Kirchenbauten und Schlösser und Adelspalais gaben dem Land und besonders Prag ein zum Teil glanzvolles barockes Gepräge. Tatsächlich werden aber diese Jahrhunderte in Tschechien als Zeit des temno, der Finsternis empfunden, die erst mit den Josephinischen Reformen – der Wiederherstellung der Religionsfreiheit durch das Toleranzedikt und der Aufhebung der Leibeigenschaft – Anfang der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts endete.

1622 stellten die Jesuiten wieder den katholischen Ritus auch in der Bethlehemskapelle her. Nachdem der Jesuitenorden 1773 durch Kaiser Joseph II. aufgelöst wurde, ging die Kapelle in staatlichen Besitz über. Zehn Jahre später folgte eine kurze Zeit als Filialkirche der Ägidienkirche, dann wurde das inzwischen bereits zu zerfallen beginnende Gebäude Teil der 1786 gegründeten Ingenieurschule, der ersten technischen Hochschule, welche in das von den Jesuiten gegründete Wenzelseminar einzog. Nach weiter voranschreitender Baufälligkeit wurden die Reste der Bethlehemskapelle im 19. Jahrhundert durch ein Mietshaus überbaut, das bis 1949 stand.

Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierten sich führende Historiker und der Klub für das alte Prag für die Rekonstruktion der Kapelle. Am 30. Juli 1948 beschloss die im Februar desselben Jahres durch Rücktritt der bürgerlichen Minister und außerparlamentarischen Druck an die Macht gekommene kommunistische Regierung den Wiederaufbau. Am 5. Juli 1954 wurde die neu erstandene Bethlehemskapelle einschließlich des Predigerhauses als nationales Kulturdenkmal eröffnet. In Anknüpfung an ihre Hochschultradition wird sie als Aula für feierliche Veranstaltungen der Tschechischen Technischen Universität genutzt. An jedem Jahrestag der Hinrichtung von Jan Hus, dem 6. Juli, findet ein ökumenischer Gottesdienst dort statt.

Günther Matthes

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