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Die Böhmen kommen nach Berlin

Die Zuwanderung böhmischer Flüchtlinge nach Berlin vollzog sich in mehreren Etappen. Zunächst waren es wenige Familien und Einzelpersonen, die sich in den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts in Berlin niederlassen durften. 1729 gab es in der Stadt eine kleine böhmische Kolonie, die zu den unterschiedlichen Flüchtlingsgruppen, die aus Böhmen nach Sachsen geflohen waren, Kontakte unterhielt. Schnell sprach sich unter den Flüchtlingen herum, dass die Lebensverhältnisse in Brandenburg-Preußen offensichtlich besser waren als in Sachsen. Der Prediger der Groß-Hennersdorfer Gruppe, Johann Liberda, bat daraufhin den preußischen König Friedrich Wilhelm I., weiteren Böhmen die Zuwanderung zu erlauben – was zunächst nur zögerlich und unter Auflagen geschah. In der Folge wuchs die Gruppe der böhmischen Flüchtlinge in Berlin jedoch so stark an, dass der König den Auftrag erteilte, in der südlichen Friedrichstadt eine Kirche bauen zu lassen, die 1737 fertiggestellt war und den Namen „Bethlehemskirche“ erhielt, in Erinnerung an die Predigtstätte des Jan Hus in Prag. Im Februar 1737 durfte eine weitere, ungefähr 500 Personen umfassende Gruppe, die sich zunächst im sächsischen Gerlachsheim niedergelassen hatte, zusammen mit weiteren Mitgliedern der Groß-Hennersdorfer Gruppe über Cottbus nach Berlin ziehen. Die ersten kamen am 25. März 1737 in Berlin an. Das führte – wie bereits der Weggang der Groß-Hennersdorfer Böhmen – zu diplomatischen Verwicklungen, denn die sächsischen Adeligen, in deren Machtbereich die Böhmen sich zunächst niedergelassen hatten, waren wie auch der sächsische König alles andere als erfreut, dass man ihnen die Untertanen – sprich Arbeitskräfte – nach Preußen „entführt“ hatte.
Der folgende zeitgenössische Text vermittelt uns einen Einblick in die Lebensumstände, zeigt uns aber auch die Entschiedenheit, mit der sich die Böhmen das Recht auf Selbstbestimmung ertrotzten. In Preußen erhielten die Böhmen das Recht auf freie Religionsausübung in ihrer Sprache und mit eigenen Predigern sowie das Recht auf eigene Gerichtsbarkeit, ein eigenes Schulzenamt, Befreiung vom Militärdienst und Streuerfreiheit. Im Juni 1737 umfasste die Berliner „Böhmische Kolonie“ bereits 1119 Mitglieder.


Die böhmische Reformation

1391    Stiftung der Prager Bethlehemskapelle, einer reinen Predigtkirche ohne künstlerische Ausgestaltung
1415    Hinrichtung von Jan Hus als Ketzer in Konstanz, in der Folge ab 1419 sog. Hussitenkriege
1420    Die vier Prager Artikel (Laienkelch, Predigt in der Landessprache, Rückkehr der Priester zu „apostolischer Einfachheit“, Wiedereinführung der sog. Kirchenzucht.)
1434    Niederlage der Taboriten, des radikalen Flügels der Hus’schen Reformation, Kompromiss des gemäßigten Flügels (Utraquistische Kirche) mit Rom
1464    Gründung der Brüder-Unität in Nordböhmen, der 50 Jahre später trotz Verfolgung die Mehrheit der böhmischen Protestanten angehört.
1609    Anerkennung der Böhmischen Brüder als Glaubensgemeinschaft durch Kaiser Rudolf II.
1620    Schlacht am Weißen Berg bei Prag. Ende der politischen Autonomie Böhmens und Einverleibung als habsburgisches Kronland. Beginn der gewaltsamen Rekatholisierung des Landes. In der Folge Massenauswanderung von böhmischen Protestanten bis 1652.
Auf den seit Anfang des 18. Jahrhunderts einsetzenden Verfolgungsdruck auf die ver­bliebenen Protestanten reagieren viele durch Flucht aus dem habsburgischen Machtbereich in das nordwestlich angrenzende Sachsen.
1781    Das Toleranzedikt Kaiser Joseph II. garantiert den Angehörigen der „augsburgischen und helvetischen Religionsverwandtendie Religionsfreiheit

Verschiedene Ursachen bewogen die Böhmischen Emigranten, Gerlachsheim zu verlassen, und anderswohin ihre Zuflucht zu nehmen. Die Herrschaft war zu strenge, und der Mangel nahm überhand. Eine grosse Furcht vor der Leibeigenschaft, die allen Emigranten schreklich vorkommt, mag sie wol am meisten aus Gerlachsheim getrieben haben. Es kostete aber viel Mühe, ehe sie von da wegkamen. Die Herrschaften (denn es waren ihrer etliche in diesem Dorfe) wollten es nicht zugeben, daß sie wegziehen sollten. Sie droheten ihnen mit Arrest, mit Zurücklieferung nach Böhmen usw. Es wurden auch wirklich einige Hausväter in den Stok geworfen, und sehr übel geplaget, bis sie alles wieder gegeben und ersetzet hatten, was sie je von der Herrschaft gutes genossen. Am meisten half ihnen die deutsche Böhmische Br(üder) Conf(ession) von 1564 durch, daß sie glücklich davon kamen: Denn, als einige Männer mit derselben zur Herrschaft giengen, und ihr daraus anzeigten, was da von der Gegenwart Christi und vom heil(igen) Abendmahl stehet, so rief die Herrschaft aus: Mit solchen Calvinischen Lehrsätzen dürfen wir euch hier nicht einmal dulden; gebt uns das unserige, und packet euch fort.
Aus: Johann Gottlieb Elsners Anekdoten zu den Lebensumständen des wolseligen Herrn Augustin Schulzes; in: Johann Jakob Simmler, Sammlung alter und neuer Urkunden zur Beleuchtung der Kirchengeschichte, Bd. 2, Teil 2. Zürich 1760

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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