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Die Fülle des Grabes

von Michael Weinrich

„Das Grab, in dem Jesus nicht mehr ist, ist nicht seine Auferstehung, sondern nur deren Folgeerscheinung“ (Karl Barth)

Bisweilen habe ich den Eindruck, dass man nur in der Begegnung mit dem Tod – solange das Grab auf dem Friedhof noch offensteht – noch wagt, von Auferweckung zu sprechen. Der Abschied wird uns leichter in der Hoffnung darauf, dass einst auch dieses Grab leer sein wird. Das hilft im Moment – auch wenn es im Moment nicht hilft. Dann aber im Leben – außerhalb der Friedhofsmauern –, dort wo der Tod zwanghaft ignoriert wird, spielt auch das leere Grab keine Rolle mehr. So wie wir ohne den Tod glauben, recht leben zu können, so wenig leben wir auch von der Auferweckung her. Wer die Endlichkeit ignoriert, kann auch nichts von der Ewigkeit ahnen; er lebt zeitlos, hetzt sich von seiner Zeit los, in dem Wahn, sie so festhalten zu können.

Und so dient die Proklamation der Ewigkeit dem Ausgleich des mit dem Grabe aufgeworfenen Endlichkeitsschreckens, damit auch hier dafür gesorgt ist, dass die Zeit nicht ihre Zeit bekommt. Die allzu flinke Konzentration auf das leere Grab entleert die Osterbotschaft, von der aus gesehen wir erst recht zur Fülle des Grabes Jesu geführt werden. Erinnern wir uns ruhig zu Ostern auch der Passion Jesu, damit das Fest nicht in einem leichtfüßigem Rausch unverletzbarer Gottesfreundlichkeit endet, die nun auch noch den Tod freundlich gestimmt habe (was dann unsere Todesverdrängungen einmal mehr ins Recht zu setzen scheint). Freilich ist Ostern kein Erinnerungsfest, sondern ein Eröffnungsjubel für eine neue Zeit. Doch dieser Jubel bleibt unablösbar von seiner Vorgeschichte, die zunächst ins Grab geführt und dem nun leeren Grab seine Fülle gegeben hat.
Aus: Göttinger Predigtmeditationen (GPM), 1985, Heft 2

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