Willkommen | Archiv | Die reiche Welt Gottes und die arme Welt der Reichen

Die reiche Welt Gottes und die arme Welt der Reichen – die Botschaft Jesu und Aktualität des reformierten Bekenntnisses von Accra

Predigten und Gespräche in der Französischen Friedrichstadtkirche

Wann kollabiert die Weltwirtschaft? Lassen sich die globalen Geldströme kontrollieren? Wie viel erträgt das Weltklima noch? Wann werden sich die Armen gegen die Reichen erheben?
Wer an die Zukunft der Welt denkt, dem stellen sich solche Fragen. Die Weltfinanzkrise 2009, der drohende Bankrott von Staaten selbst in Europa, das Scheitern aller Klimakonferenzen fordern den Glauben der Christen heraus.
In Deutschland weitgehend unbeachtet hat der Reformierte Weltbund – der Zusammenschluss der Kirchen der reformierten Konfessionsfamilie – schon 2004 in Accra (Ghana) die Frage nach einer gerechten und ökologisch verantwortbaren Weltwirtschaft als ein zentrales Thema christlichen Bekennens benannt. Dort heißt u. a.: „Wir sagen Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird. Nein aber auch zu allen anderen Wirtschaftssystemen, – einschließlich der Modelle absoluter Planwirtschaft, – die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden, die Schwächeren und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens berauben.“
Es ist Zeit, in unserer Kirche dieses Bekenntnis und seine fast prophetische Dimension in Erinnerung zu rufen. Der Reformierte Kirchenkreis und die Französische Kirche zu Berlin (Hugenottenkirche) in der Charlottenstraße beim Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte wollen in Gottesdienst und Diskussion biblische Impulse mit Er­kenntnissen von Fachleuten ins Gespräch bringen und nach alternativen Elementen einer globalen Wirtschaft fragen, die dem Bund Gottes mit der Schöpfung gerecht wird. Unter dem Titel ‚Die reiche Welt Gottes und die arme Welt der Reichen‘ hören an vier Sonntagen in der Französischen Friedrichstadtkirche Theologen, Wirtschaftswissenschaftler und Politiker miteinander auf Gottes Wort und diskutieren das Gehörte.

Vor allem in seinen Gleichnisse konkretisiert Jesus Visionen einer besseren Welt und schafft der Gerechtigkeit Gottes einen Raum in unserer Fantasie. Auffallend oft geht es dabei um Fragen des Geldes, um Lohn und Talente, um Zinsen und Schulden, um die Armut des Reichtums und den Reichtum der Besitzlosigkeit. Wie lassen sich diese Impulse in kreatives Handeln umsetzen?
Die Reihe beginnt am Sonntag, 3. April um 11 Uhr, in der Französischen Friedrichstadtkirche mit Bischöfin a. D. Bärbel Wartenberg-Potter und Prof. Friedrich Buttler. Der Wirtschaftswissenschaftler war von 2001 bis 2007 Regionaldirektor der International Labour Organization (ILO). Die Reihe wird fortgesetzt am 1. Mai mit Prof. Friedrich Lohmann, Theologische Fakultät der Humboldt-Universität, und Peter Spiegel vom Genisis Institute for Social Business and Impact Strategies, am 5. Juni mit Prof. Michael Weinrich, Theologe der Ruhr-Universität Bochum, und Sven Giegold, Mitgründer von Attac Deutschland und Mitglied des Europäischen Parlaments, und am 3. Juli mit Pfr. Steffen Reiche, früherer brandenburgischer Bildungsminister, und Bundesministerin a. D. Heidi Wieczorek-Zeul.
Das Bekenntnis von Accra versteht sich nicht als Lehrbekenntnis, sondern im reformierten Sinn von Bekennen als eine aktive Antwort des Glaubens auf die Herausforderungen unserer Zeit.

Auszüge aus dem Bekenntnis von Accra

Vor dem Hintergrund unserer reformierten Tradition und der Erkenntnis der Zeichen der Zeit erklärt die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes, dass die Frage der globalen wirtschaftlichen Gerechtigkeit eine für die Integrität unseres Gottesglaubens und unsere Nachfolgegemeinschaft als Christinnen und Christen grundlegende Frage ist. Wir glauben, dass die Integrität unseres Glaubens auf dem Spiel steht, wenn wir uns gegenüber dem heute geltenden System der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung ausschweigen oder untätig verhalten.
[…] Darum sagen wir Nein zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung, wie sie uns vom globalen neoliberalen Kapitalismus aufgezwungen wird. Nein aber auch zu allen anderen Wirtschaftssystemen, – einschließlich der Modelle absoluter Planwirtschaft, – die Gottes Bund verachten, indem sie die Notleidenden, die Schwächeren und die Schöpfung in ihrer Ganzheit der Fülle des Lebens berauben. Wir weisen jeden Anspruch auf ein wirtschaftliches, politisches und militärisches Imperium zurück, das Gottes Herrschaft über das Leben umzustürzen versucht, und dessen Handeln in Widerspruch zu Gottes gerechter Herrschaft steht.
Wir glauben, dass Gott einen Bund mit der ganzen Schöpfung eingegangen ist (1.Mo 9,8–12). Gott hat eine Gemeinschaft auf Erden ins Leben gerufen, die auf einer Vision der Gerechtigkeit und des Friedens beruht. Der Bund ist eine Gnadengabe, die nicht auf dem Marktplatz käuflich ist (Jes 55,1). Er ist eine Ökonomie der Gnade für den Haushalt der ganzen Schöpfung. Jesus zeigt uns, dass dies ein alle einschließender Bund ist, in dem die Armen und Ausgegrenzten die bevorzugten Partner sind. Er ruft uns dazu auf, die Gerechtigkeit gegenüber „seinen geringsten Brüdern und Schwestern“ (Mt 25,40) in den Mittelpunkt der Gemeinschaft des Lebens zu stellen. Die ganze Schöpfung ist gesegnet und in diesem Bund eingeschlossen (Hos 2,18 ff).
Darum sagen wir Nein zur Kultur des ungebändigten Konsumverhaltens, der konkurrierenden Gewinnsucht und zur Selbstsucht des neoliberalen globalen Marktsystems oder jedes anderen Systems, das von sich behauptet, es gäbe keine Alternative.
Wir glauben, dass jede Wirtschaftsform zur Gestaltung des Lebenshaushaltes, wie er uns durch Gottes Bund zur Erhaltung des Lebens geschenkt wurde, sich vor Gott zu verantworten hat. Wir glauben, dass die Wirtschaft dazu da ist, um der Würde und dem Wohl der Menschen in Gemeinschaft im Rahmen der Nachhaltigkeit der Schöpfung zu dienen. Wir glauben, dass wir Menschen berufen sind, uns für Gott und gegen den Mammon zu entscheiden und dass das Bekennen unseres Glaubens ein Akt des Gehorsams ist.
Darum sagen wir Nein zur unkontrollierten Anhäufung von Reichtum und zum grenzenlosen Wachstum, die schon jetzt das Leben von Millionen Menschen gefordert und viel von Gottes Schöpfung zerstört haben.

Zurück