Willkommen | Archiv | Ein Zeitzeuge der besonderen Art: Dr. Otmar Liegl

Man hört ihm gerne zu, unserem Ehrenpresbyter Dr. Otmar Liegl. Am 16. Januar 2011 wurde er 90 Jahre alt. Im Gottesdienst und bei einem Sektempfang hat „seine“ Bethlehemsgemeinde ihm gratuliert. Wer wie er die Zeitläufte stets kritisch begleitet und dem Zeitgeist widerstanden hast, der ist frei von dem Hang, das Vergangene zu verklären. Als Kind eines widerständigen Sozialdemokraten und einer freiheitlich gesonnenen Schweizerin in München geboren, hat sich Otmar Liegl zeitlebens dem Ungeist verweigert, Menschen nach ihrer ethnischen (früher sagte man: völkischen) Herkunft oder ihrer Religionszugehörigkeit zu bewerten und einzuordnen. Dass man heute damit wieder hohe Buchauflagen (und Gewinne) erzielen kann, zeigt, wie sehr Aufklärung und Widerspruch weiterhin vonnöten sind. Über seine leider viel zu früh verstorbene Ehefrau Christa, die mütterlicherseits der Familie Barta entstammte, lernte Otmar Liegl die Geschichte der böhmischen Exulanten kennen und wurde ihr Historiograph. Die preußisch-deutsche Politik war nach 1866/71 bemüht, alles Abweichende, ob kirchlich, kulturell oder national, gleichzuschalten. Das bekamen die Nachfahren der böhmischen Zuwanderer zu spüren, aber auch die Minderheit der Sorben, ganz zu schweigen von den „katholischen Polen“ in den östlichen Provinzen Preußens. Das antislawische Ressentiment, das in den Exzessen des Zweiten Weltkrieges seinen schrecklichen Höhepunkt erreichte, ist tief verwurzelt in der preußisch-deutschen Selbstfindung des 19. Jahrhunderts. Darauf hat Otmar Liegl immer wieder hingewiesen. Umso mehr schmerzt es ihn bis heute, dass mancher Nachfahre der Böhmen in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts dem Anpassungsdruck in höchst fragwürdiger Weise nachgab, und sich selbst zum „Sudetendeutschen“ erklärte. Die Akten über dieses unrühmliche Kapitel Böhmisch-Rixdorfer Existenz sind zwar weiterhin geschlossen, das Kapitel aber nicht. Es harrt der Bearbeitung.

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„Außerhalb Bayerns gibt es kein Leben, und wenn dann kein solches“, so steht es in lateinischer Schrift im Schloss zu Esting. Otmar Liegl hat dieses (eigentlich unbayrische!) Diktum mit seinem Lebensweg widerlegt, ob als Vorsitzender des Vereins der Bayern in Berlin, als langjähriger Chefarzt der Augenklinik im Krankenhaus Neukölln, als Förderer des Böhmischen Dorfes und unserer Gemeinde. Wer mehr über den Weg des Jubilars erfahren möchte, dem sei das Buch von Alfred Krautz empfohlen: „Bayrisch sein in Berlin ...aus dem Leben des Arztes Dr. Otmar Liegl“, erschienen 2001 anlässlich seines 80.  Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, Gesundheit und weiterhin einen wachen Geist wünscht im Namen des Presbyteriums

Pfr. Bernd Krebs.

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