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Eine andere mögliche Welt

suchten Christen unterschiedlicher Konfessionen auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre

155.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollen wir gewesen sein auf dem 5. Weltsozialforum in Porto Alegre (Südbrasilien), das in den letzten Januartagen abgehalten wurde. Von der großen Demonstration am ersten Tag abgesehen, befand ich mich immer in Zelten mit einer überschaubaren Anzahl von Menschen (und einer durchschnittlichen Raumtemperatur von 35 Grad). Vier Tage wurden Workshops angeboten. Da trafen sich jeweils 15 bis 50 Menschen, um 3–4 Stunden über ein bestimmtes Thema Referate zu hören, zu diskutieren und Zusammenarbeit zu planen. Auf diesem Forum sollten möglichst wenig große Reden geschwungen, dafür viel Zeit für die verschiedenen Gruppen und Initiativen sein, sich kennen zu lernen und sich zu vernetzen. Für mich war das Forum eine tolle Möglichkeit zur Horizonterweiterung: so viele engagierte Menschen auf einmal!

Meine Kirchentagserfahrung kam mir bei der Planung meines Programms sehr zu Gute. Ich versuchte nicht, an einem Tag Veranstaltungen in verschiedenen Sektoren wahrzunehmen, sondern nur in den benachbarten. Da hatte ich schon genug zu laufen. Auf 10 Kilometer am Ufer der leicht anrüchigen Bucht von Porto Alegre waren die thematischen Sektoren verteilt: Von A wie „Autonomes Denken“ über B „Pluralität und Identität“ das ganze Alphabet herunter bis K „Ethik, Weltvisionen und Spiritualität“ konnte man auswählen.

Besonders die kirchlichen Gruppen tummelten sich im Sektor K, machten aber auch Angebote in anderen Sektoren. Eines war zum Beispiel „Christliche Strategien gegen das ALCA (Freihandelsabkommen für Amerika).“ Organisiert hatten diesen Workshop das Bibelzentrum der Lutherischen Brasilianischen Kirche, das Gedenkzentrum Martin-Luther-King aus Kuba, die Ökumenische Koalition für Brasilien und weitere. Die Teilnehmer tauschten ernste Befürchtungen über die Nachteile ihrer Ökonomien gegenüber dem Wirtschaftsriesen USA aus. An den negativen Auswirkungen des NAFTA (Freihandelsabkommen zwischen Kanada, den USA und Mexiko) könne man beobachten, wie sich die Dinge entwickeln werden. In Mexiko haben von dem NAFTA einige große Obstkompanien aus dem eigenen Land und den USA profitiert, während die nationale Maisproduktion für 3 Millionen Bauern unrentabel wurde. Obwohl der mexikanische Mais besonders geschützt werden sollte, gelang den großen Agrarunternehmen Cargill, Monsanto und Continental der Export von genverändertem Mais nach Mexiko.

In den USA wird genveränderter Mais nämlich nicht von natürlichem getrennt und so wurde vermischter Mais exportiert. Die maisanbauende mexikanische Bevölkerung ist nun in Gefahr von den Agrarfirmen wegen unerlaubtem Anbaus von genverändertem Mais (der seit 2001 von der Universität Berkeley nachgewiesen wird) verklagt zu werden, wie es in Kanada schon in mehreren tausend Fällen vorgekommen ist. Nicht nur ist es eine Tragödie, dass Jahrtausende alte Maissorten verschmutzt werden, risikoreich ist auch die Ernährungssituation in der Zukunft: 70% des Maismehls, das Grundnahrungsmittel der Mexikaner, werden von einer einzigen Firma vertrieben.

Ein anderes wichtiges Thema in Mexiko sind die Produktionsstätten (Maquilas), in denen vor allem Frauen unter teilweise menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung nähten. Wie es auch bei uns durch die Presse ging, machten Ende letzten Jahres hunderte Fabriken zu, und wurden nach China verlagert, wo der Stundenlohn 0,25 U$ statt 3 U$ wie in Mexiko beträgt. 250.000 entwurzelte Menschen haben nun keine andere Chance, als zu versuchen sich über die Grenze in die USA zu flüchten. 

Die teilnehmenden Christinnen und Christen berichteten von den Versuchen in ihren Ländern Volksabstimmungen gegen das ALCA abzuhalten. In Argentinien, Uruguay und Chile gelang es, den Ratifizierungsprozess des ALCA zu verzögern, mitverursacht durch die Bemühungen der Kirchen, bei ihren Mitgliedern ein Problembewusstsein zu schaffen.

Auch wir Kirchen in der von der Globalisierung eher profitierenden Nordhalbkugel werden demnächst herausgefordert: Im Januar 2006 wird der Weltkirchenrat in Porto Alegre zum Schwerpunktthema Globalisierung tagen. Bis dahin können wir von unseren Geschwistern im Süden noch viel über Gerechtigkeit, Menschenwürde und Armutsbekämpfung lernen.

von Katrin Stückrath, Frühjahr 2005

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