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Eine Reise zu einem Gottesdienst in Van

Am 19. September 2010 ereignete sich eine sehr außergewöhnliche Begegnung für die armenischen Christen in der Türkei. Die Gemeinschaft, inzwischen zu einer kleinen Minderheit in der Türkei geschrumpft, durfte auf der Insel Achtamar in der fernen Osttürkei die Heilige Messe in der Heilig-Kreuz Kirche feiern, unter der Anleitung des Stellvertretenden Patriarchen von Istanbul, Aram Atesyan. Es war der erste Gottesdienst seit der Gründung der Republik Türkei 1923 und wahrscheinlich sogar seit 1915, dem Datum, das die Armenier mit dem Genozid verbinden, dem Ende der armenischen Kultur in Anatolien, ihrer historischen Heimat. Die Kirche wurde vom türkischen Staat renoviert, Schusslöcher zugespachtelt und in ein Museum umgewandelt. Sandsäcke als ein Überbleibsel der militärischen Schutzzone gibt es immer noch. Es war ein langer Kampf die Kirche für einen Gottesdienst zu gewinnen, zumindest einmal im Jahr.


Turmspitze der Kirche von Van auf der Insel Achtamar im Vansee

Die Stadt Van liegt in der heutigen Osttürkei am Ostufer des Vansees. Die historische Stadt bildete sich um die bis heute erhaltene Festung. Nach der Überlieferung soll sie von der Königin Semiramis erbaut worden sein, der Namensgeberin der Hängenden Garten, eines der sieben Weltwunder. Heute ist die Stadt durch den Grenzverkehr mit Aserbaidschan und Iran eine florierende Wirtschaftsmetropole geworden. Im Jahre 2010 dominiert eine mehrheitlich kurdisch-muslimische Bevölkerung die Stadt am Ufer des Vansees. Seit der Gründung der türkischen Republik wurden Einwanderer aus Afghanistan und aus Zentralasien in der Region angesiedelt. Vom christlichen Erbe blieben nur die alten Kloster- und Kirchenruinen um den Vansee, manche davon fristen ein Dasein als Ziegenstall.



Relieftafel in armenischer Schrift an der Kirche
von Van

Die Insel Achtamar im Vansee war über Jahrhunderte der Sitz des armenisch-apostolischen Katholikos. Sie verdankt ihren Namen der Sage nach den verfeindeten Königskindern, die sich liebten und nicht zu einander fanden. Der Held der Sage ertrank im See, schreiend nach seiner Liebsten „Ach Tamar!“.
Die Heilig-Kreuz Kirche ist der letzte Zeuge auf der Insel. In der bergigen Landschaft der Region entstand Anfang des 10. Jahrhunderts das selbstständige Königreich von Waspurakan. Die Könige residierten auf der Insel Achtamar. Das Prachtschloss, das in der Nähe der Kirche gestanden haben soll, ist heute spurlos verschwunden. Die Kirche entstand zwischen 915 und 921. Nach der Überlieferung soll das Baumaterial aus der heutigen Stadt Diyarbakir geholt worden sein. Um die Außenfassaden der Kirche ranken sich Reliefs mit Weinlaub, Granatäpfeln und Fabelwesen. Bilder aus dem Alten Testament schmücken die Reliefs und erzählen in gehauenen Steinen die Christianisierung der Bevölkerung.
Die Armenier, die ihre alten zoroastrischen-mazdaistischen Vorstellungen in das Christentum einbrachten, gaben dem Licht große Bedeutung beim Aufbau der Kirche und in der Außenausstattung. Die Bilder werden von allenSeiten mit Licht konfrontiert, den Bewegungen der Sonne folgend. Bei dem wechselnden Sonnenstand im Laufe des Tages ergibt sich eine regelrechte Inszenierung von Licht und Schatten. In dieser Atmosphäre feierten die Armenier voller Leidenschaft ihren ersten Gottesdienst nach so langer Zeit. Bis zur der letzten Minute kämpfte die Gemeinde und die armenische Kirche um die Aufstellung des Kreuzes auf dem Dach der Kirche. Tausende strömten um dort zu sein. Es war ein Erlebnis, für einen kurzen Moment nach Hause zu kehren, in das Haus, das nicht unser Haus ist. In diesem Jahr, so hoffen wir, wollen wir uns wieder dort treffen.

Talin Bahçivanoglu

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