Willkommen | Archiv | „Er stößt die Gewaltigen vom Thron“

„Er stößt die Gewaltigen vom Thron“

Merke aber, Maria sagt nicht, daß Gott die Regierungsstühle zerbreche, sondern: „stößt die Gewaltigen vom Thron“. Sie sagt auch nicht: er läßt die Niedrigen hier unten, sondern: „erhebt sie“. Denn solange die Welt steht, müssen Obrigkeit, Regiment, Gewalt und die Regierungsstühle bleiben. Aber daß sie diese übel und gegen Gott brauchen, um den Frommen Unrecht und Gewalt zu tun, und daß sie ein Wohlgefallen daran haben, sich deswegen erheben, sie nicht mit Furcht Gottes zu seinem Lob und zum Schutz der Gerechtigkeit brauchen, das leidet er nicht lange. So sehen wir (es) in allen Geschichtsbüchern und der Erfahrung: wie er ein Reich aufrichtet, das andere niederwirft, ein Fürstentum erhebt, das andere unterdrückt, ein Volk mehret, das andere vertilgt; wie er Assyrien, Babylon, den Persern, Griechen, Rom getan hat, die doch meinten, sie würden ewig auf ihrem Thron sitzen. So zerstört er auch nicht Vernunft, Weisheit und Recht – denn soll die Welt bestehen, muß man Vernunft, Weisheit und Recht haben –, sondern den Hochmut und die Hochmütigen, die sich selbst damit dienen, Wohlgefallen daran haben, Gott nicht fürchten und die Frommen und das göttliche Recht damit verfolgen und so die schönen Gaben Gottes wider Gott mißbrauchen.

Nun geschiehts in Gottes Sachen, daß die Klüglinge und hoffärtigen Dünkler sich im allgemeinen zu den Gewaltigen schlagen und diese wider die Wahrheit bewegen – wie Psalm 2,2 stehet: „Die Könige der Erde lehnen sich auf und sie ratschlagen miteinander wider Gott und seinen Gesalbten“ usw. – so daß das Recht und die Wahrheit allezeit zugleich die Weisen, die Gewaltigen, die Reichen, das ist, die Welt mit ihrem größten und höchsten Vermögen wider sich haben muß. Darum tröstet der heilige Geist diese durch den Mund dieser Mutter, daß sie sich nicht beirren noch schrecken (lassen): laß sie weise, mächtig, reich sein; es währet nicht lange. Denn wo die Heiligen und Gelehrten mit den Gewaltigen und Herren, dazu mit den Reichen, nicht gegen, sondern für das Recht und die Wahrheit einträten, wo wollte das Unrecht bleiben? Wer würde etwas Böses leiden?
Aus Martin Luthers Auslegung
des Lobgesangs der Maria (Magnificat)
Lukas 1,46–55 (1521)

Zurück