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Erinnerungen an Pfr. Horst Greulich

Viele in unserer Gemeinde werden bereits wissen, dass Horst Greulich am 24. Januar 2014 gestorben ist. Er war 30 Jahre Pfarrer in der reformierten Schlosskirchengemeinde Köpenick und lange Zeit Vertreter der Reformierten in der Landessynode sowie als Vorsitzender des reformierten Moderamens auch Mitglied der Kirchenleitung. Im Köpenicker Gemeindebrief (Ausgabe April/Mai) hat der frühere Presbyter Dr. Walter Wessel einen sehr lesenswerten Nachruf veröffentlicht, den wir aus unseren persönlichen Erfahrungen und im Blick auf unsere Gemeinde ergänzen möchten.

Wenn wir uns an Horst Greulich erinnern, denken wir zugleich an seine Frau Marianne. Sie haben gemeinsam in der Gemeinde und darüber hinaus unermüdlich gewirkt. Als erstes steht uns vor Augen, dass sie ein überaus gastfreundliches und offenes Haus geführt haben. Uns hat sehr beeindruckt, dass es Horst gelungen ist, in der Enge und Abgeschlossenheit der DDR eine Fülle ökumenischer Kontakte aufzubauen und zu pflegen. In der Freiheit 14 haben wir nicht nur Gemeindeglieder und Pfarrer aus der DDR und aus den Partnergemeinden in Westdeutschland getroffen, sondern auch aus Holland, der Schweiz, Österreich … Bei diesen Begegnungen gab es interessante Gespräche, und das in aller Freiheit ohne Angst vor Bespitzelung. In lebendiger Erinnerung geblieben ist uns eine hitzige Debatte zum Thema „Kirche im Sozialismus“. Wo kann die Kirche, wo können Christen sich anpassen? Wo ist Widerstand geboten? Horst sagte damals sinngemäß: Jede Predigt ist als Bekenntnis zu Jesus Christus eine Absage an den dialektischen Materialismus, auch ohne dass man sich explizit damit auseinandersetzt. Aber etwas anderes als die Ablehnung der Ideologie sei das Zusammenleben mit den Menschen vor Ort, welcher Weltanschauung auch immer sie anhängen.
Besonders berührt hat uns in der Begegnung mit Horst und Marianne ihre persönliche Situation als Pfarrfamilie im „real existierenden Sozialismus“. Sie haben uns an ihrer Trauer und ihren Sorgen teilhaben lassen. Nicht lange bevor wir sie kennenlernten, war ihr Sohn Jörg nach schwerer Krankheit gestorben. Dass die Symptome seiner Krankheit weder von seinen Lehrern noch von den behandelnden Ärzten ernst genommen worden waren, konnten sie bis in ihr Alter hinein nicht verwinden. Der Junge wurde einfach als Simulant beurteilt. Dass er im Sportunterricht nicht mehr mithalten konnte, war – wie in allen Diktaturen – besonders verdächtig. Als dann schließlich die Diagnose Hirntumor gestellt wurde, war es für eine Therapie zu spät. Dass Horst und Marianne trotz dieser schweren und schmerzlichen Belastung ihr großes Arbeitspensum bewältigt haben, ist bewundernswert.
Ihr Sohn Jens hatte es als Pfarrerskind in der Schule nicht leicht. Die Situation erinnerte mich – Arnd – in mancher Hinsicht an meine Jugend im Dritten Reich. Nach Beendigung der Schule wurde Jens „Bausoldat“ in der Nationalen Volksarmee. Wehrdienstverweigerung war ja in der DDR nicht möglich. Wenn man aus Gewissensgründen nicht an der Waffe ausgebildet werden wollte, war der einzige Ausweg, Bausoldat zu werden. Aber die Bausoldaten waren von vornherein öffentlich diskriminiert, schon durch das Zeichen des Spatens auf der Uniform. Sie wurden schikaniert und mussten Schwerstarbeit verrichten. Von Horst und Marianne erfuhren wir, wie sehr ihr Sohn darunter gelitten hat. Nach der Wende berichtete uns ein anderer ehemaliger Bausoldat, dass sie ein offenes Haus und Herz für alle Bausoldaten hatten, die mit ihren Nöten und Problemen zu ihnen kamen. Das war in der damaligen Situation ein mutiges Beispiel für „Kirche im Sozialismus“.

Ja, die Freiheit 14 war – und ist! – eine gute Adresse, auch für uns und unsere Gemeinde. Der Kontakt zwischen unseren beiden Gemeinden war Horst und Marianne sehr wichtig. Aus Köpenick konnten nur Rentner/innen zu uns kommen. Wir gingen als einzelne und manchmal auch in Gruppen „nach drüben“. Die Behörden der DDR sollten möglichst nichts vom Kontakt der beiden Gemeinden erfahren. In Telefongesprächen war von „Verwandtenbesuchen“ die Rede. Meistens gelangen die Treffen, ohne dass wir auffielen, wie wir damals dachten. Aber aufregend waren immer Besuche mit Jugendlichen. Einmal war verabredet, dass wir mit den Konfirmanden der Bethlehemsgemeinde den Gottesdienst in der Schlosskirche besuchen und anschließend im Gemeindehaus die Köpenicker Konfirmanden und den sehr lebendigen Jugendkreis treffen sollten. Horst empfing uns schon vor der Kirche und sagte: „Die Stasi sitzt im Gottesdienst. Geht irgendwo spazieren und kommt später möglichst unauffällig in die Freiheit.“ Die Staatssicherheit hatte von unserem Vorhaben Wind bekommen. Der Staat der DDR wollte Jugend-Kontakte von West nach Ost unbedingt verhindern. Aber in der Freiheit trafen wir uns doch!
Wir haben Horst als einen Menschen kennengelernt, der sich mit ganz großem Engagement für seine Gemeinde und für die Anliegen der Reformierten in der Landeskirche eingesetzt hat. Kurz nach der Wende haben wir uns gemeinsam und mit Erfolg gegen Versuche gewehrt, zuerst unsere Bethlehemsgemeinde und dann auch noch die reformierten Kirchenkreise aufzulösen. Horst hat vehement für ihre weitere Existenz gekämpft. Er stand zu seiner Überzeugung und war darin unbeugsam, manchmal auch unbequem, aber das nahm er in Kauf. In einer sehr schwierigen Situation unserer Gemeinde wurde er Vakanzverwalter und hat als solcher mit dazu beigetragen, dass unsere Gemeinde die Krise überwinden konnte und erhalten blieb. Dafür gebührt ihm unser herzlicher Dank.

Astrid und Arnd Hollweg.

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