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Wer in Neukölln wohnt …

Eingangsvotum zum Christlich-muslimischen Gespräch am 6. Mai 2010 im Gemeindehaus ‚Ananias‘

Wer in Neukölln wohnt, ist es gewohnt, Menschen unterschiedlicher religiöser oder weltanschaulicher Prägung zu begegnen. Das gehört zur Nachbarschaft, ist nicht konflikfrei, aber stets herausfordernd. Ob Hindu, Buddhist, Agnostiker, Christ oder Muslim – was wir vom jeweils Anderen erfahren, fügt sich zu einem Bild zusammen. Ob dieses Bild dem entsprecht, das der Andere von sich selbst hat, ist dabei nicht immer gegeben. Aber Korrekturen sind möglich, zur einen Seite wie zur anderen Seite hin. Wer für neue Erfahrungen offen bleibt, wird auch bisher nicht Gesehenes wahrnehmen und in sein Bild über den Nachbarn aufnehmen. Darin liegt der Sinn – so meine ich – auch unserer seit fast zwölf Jahren stattfindenden Begegnungen: das Bild, das wir von dem jeweils Anderen haben zu ergänzen, um neue Facetten zu erweitern, eventuell auch zu korrigieren. Denn unser Wissen voneinander ist durch eine lange Geschichte der ‚Nicht-Begegnung‘ oder der Gegenerschaft geprägt und damit von Mutmaßungen und Vorurteilen. Unser Wissen voneinander wird außerdem durch aktuelle Ereignisse auf die Probe gestellt. Das haben wir nach dem 11. September hautnah erlebt. Unsere muslimischen Gesprächspartner sahen sich damals und sehen sich bis heute unter einem Rechtfertigungsdruck. Viele Muslime empfinden das als ungerecht. Sie sehen sich in eine Ecke gedrängt, in die sie nicht gehören. Ich kann das verstehen, denn wir Christen sehen uns angesichts der Fälle von sexuellem Missbrauch gegenwärtig auch kollektiv in Haftung genommen – auch wenn unsere Gemeinden und wir selbst mit diesen Fällen nichts zu tun haben.

Zur Nachbarschaft gehört Klarheit. Deshalb dürfen wir den Gesprächsfaden nicht abreissen lassen. Nur wer sich dem Gespräch stellt, hat die Möglichkeit, das Bild zu korrigieren, das sich der Andere von einem macht. Ich habe in den Begnungen mit den Mitgliedern der Gazi Osman Pascha Moschee viele Aspekte muslimischer Existenz kennengelernt, die mir so nicht bewusst waren: etwa das Ringen um die Kinder und die Jugendlichen, was das Verstehen der Grundlagen des Islam angeht, sowie die Probleme, die sich jedem stellen, der im Alltag zu leben versucht, was ihm oder ihr von den Grundsätzen der Relgion her geboten ist, und damit die – uns gleichermaßen bewegende – Frage, wie Menschen heute zu einer bewussten, religiösen Existenz kommen können, in einer Gesellschaft, in der die Tradition oder die familiären Bindungen ihre vormalige Bedeutung verloren haben.

Was ich für unsere künftigen Gespräche auf der Agenda sehe, sind zwei Punkte: zum einen die Frage, welche Haltung wir – auf der Grundlage unserer jeweiligen Religion – zu einer der Grundsäulen unserer Gesellschafts- und Rechtsordnung einnehmen: dem Pluralismus der religiösen und weltanschaulichen Prägungen und der Pluralität der Lebensformen.

Ein zweiter ebenso wichtiger Punkt ist für mich die Frage, des ‚Lesens und Deutens‘ der Grundlagen unserer Religionen, des Biblischen Zeugnisses bzw. des Koran. In den Gemeinden, die im Ökumenischen Arbeitskreis miteinander verbunden sind, gehört es zum common sense, dass es beim Hören auf das Biblische Zeugnis nicht um eine blinde Nachahmung gehen kann – oder wie Mancher bei Ihnen sagen würde um taqlid. Vielmehr geht es um ein Gespräch, bei dem zeitbedingte Urteile und Aussagen erkannt und benannt werden müssen, weil nur auf diese Weise der Zuspruch Gottes und der Anspruch Gottes auf unser Leben kenntlich werden. Oder um es mit einem Wort auszudrücken, das in der Geschichte des Islam von Bedeutung ist: das Tor zum idschtihad, das Tor zur Auslegung des Koran muss offen bleiben. Wer es für geschlossen erklärt, wird erstarren und verliert die Fähigkeit, Antworten für das Leben heute zu finden.

Leben wir Nebeneinander oder Miteinander? So wird in der Einladung zu unserem heutigen Treffen gefragt. Ich glaube, in Vielem leben wir eher nebeneinander. Das ist in einer plural verfassten Gesellschaft so. Aber es gibt auch Zeichen des Miteinanders. Bei unseren zweimal im Jahr stattfindenden Begegnungen haben wir auch immer wieder Fragen der familiären Verantwortung und der Bildung sowie die Probleme des sozialen Umfelds (z.B. Jugendkriminalität) in den Blick genommen. Das sollten wir fortsetzen. Ein gutes Beispiel für eine Miteinander ist der Aufruf, der in der vergangenen Woche von Repräsentanten der christlichen Kirchen, der Jüdischen Gemeinde, des Verbandes Islamischer Kulturzentren und des Landesverbandes der Ditib gemeinsam veröffentlicht wurde, den 1. Mai freidlich zu begehen. Solche Zeichen des Miteinanders brauchen wir weiterhin. Denn wir sind und bleiben miteinander verbunden in der Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden in unserer Stadt.

Pfr. Dr. Krebs

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