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Gedanken zur Sieben

Seit Menschengedenken wird versucht, unerklärliche Naturphänomene, Seuchen, Dürreperioden u. dgl. durch zahlenbezogene Gesetzmäßigkeiten zu erklären oder vorherzusagen. Und von Gott bzw. den angebeteten Gottheiten durch zahlenmäßige Symbole, Regeln bzw. Rituale Gnade und Hilfe zu erbitten. In jüdischen und christlichen Überlieferungen – aber nicht nur darin – wird auffällig häufig die Zahl Sieben erwähnt, der magische Bedeutung nachgesagt wird:

Der siebente Tag der Schöpfungswoche gilt als besonderer Ruhetag (Sabbat) und als Tag der Vollkommenheit; unsere Woche besteht daher aus sieben Tagen. Der jüdische Kalender kennt sieben große Festtage. Joseph träumt im ägyptischen Gefängnis von kommenden sieben fetten und sieben mageren Jahren. Die erste der zehn Plagen bestand darin, das Wasser des Nils, die Lebensader des Volkes, für sieben Tage ungenießbar werden zu lassen. Das Passah-Fest der ungesäuerten Brote zur Erinnerung an die Knechtschaft in Ägypten und das Laubhüttenfest dauern üblicherweise jeweils sieben Tage.

Im Alten Testament ist von den sieben Säulen der Weisheit die Rede, und der Bau des Tempels in Jerusalem dauerte sieben Jahre. Alle sieben Jahre soll es gegen zunehmende Verarmung und zur Vermeidung zu großer Unterschiede im auserwählten Volk einen generellen Schuldenerlass geben. Eines der wichtigsten religiösen Symbole im Judentum ist der siebenarmige Leuchter, die Menora. Die rituelle Beschneidung neugeborener Knaben soll am siebenten Tag nach der Geburt erfolgen. Eine christliche Bekenntnisgemeinschaft, die den Sabbat heiligt, trägt die Sieben sogar in ihrem Namen.

Die römische Kirche spricht von den sieben Sakramenten sowie den sieben Grund- oder Kardinaltugenden und den sieben Gaben des – Heiligen – Geistes. (Wir beschränken uns auf zwei Sakramente, Taufe und Abendmahl.) Umgekehrt warnt der katholische Katechismus vor den sieben Todsünden. Im Neuen Testament finden wir die Speisung von 4.000 Menschen mithilfe von sieben Fischen. Jesus hat Maria Magdalena sieben Teufel ausgetrieben. In der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament ist die Rede vom „Buch mit den sieben Siegeln“. Das siebte Siegel steht für das vollständige Ende der bisherigen Welt, nach dessen Öffnung zunächst völlige Stille eintritt und danach sieben Engel mit sieben Posaunen auftreten.

Jesus erscheint mit sieben goldenen Leuchtern, welche die damaligen sieben Gemeinden Kleinasiens symbolisieren, an die sich Johannes mit sieben Sendschreiben richtet. Bei Matthäus finden wir Jesu Antwort auf die Frage von Petrus, ob es reiche, wenn er seinem sündigen Bruder sieben Mal vergebe. Und Jesus hatte gesagt: „Ich sage dir, nicht sieben Mal, sondern siebzig mal sieben Mal…“ Im Lukas-Evangelium hatte Jesus 70 Jünger (in der orthodoxen Kirche: Apostel) paarweise ausgesandt, um seine Botschaft zu verkünden.

In alten Mittelmeermythen wie auch in überlieferten Darstellungen u. a. aus Mittel- und Fernost tritt ein siebenköpfiger Drache auf. Rom, die Hauptstadt der damaligen Welt, ist auf sieben Hügeln errichtet, hatte in ihrer Frühzeit sieben Könige und besitzt ebenso viele Pilgerkirchen. Vielfach hat diese „biblische“ Zahl Eingang in den Alltag gefunden: So etwa beim geflügelten Wort von den „sieben Sinnen“ (bzw. dem „7. Sinn“) und den „sieben Leben“. Und vom sog. „verflixten siebten Jahr“. Oder in den Märchen von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“ sowie vom „Wolf und den sieben Geißlein“. Auch die Aufteilung der Welt in sieben Erdteile (mit der Antarktis sowie Nord- und Südamerika) lässt eine besondere Fixierung auf diese Zahl erkennen. Zudem gibt es sieben Weltmeere. Und nicht zuletzt die sieben Weltwunder … Zur Gründung eines Vereins bedarf es hierzulande mindestens sieben Gründer. Ebenso wie in einigen Klöstern der äthiopischen orthodoxen Kirche zum Feiern der Messe mindestens sieben Personen erforderlich sind.

 

Im Islam steht die Sieben für die Anzahl der Erden und Meere – sowie der Himmel und Propheten. Jeder Muslim soll einmal im Leben zur Pilgerfahrt nach Mekka und dort die Ka’ba, eines der höchsten Heiligtümer im Islam, sieben Mal umgehen. Dies erinnert an die biblische Weisung an die Israeliten, sieben Tage hintereinander um die Stadt Jericho zu marschieren – und am siebten Tag sogar sieben Mal. Im Buddhismus kommt der Zahl Sieben höchste Bedeutung zu: Sie bezeichnet den Aufstieg zum Höchsten und das Erreichen des Zentrums, die Stufe der Erleuchtung.

Auch wenn all diese Bezeichnungen, Symbole und Rituale auf den ersten Blick keinen Zusammenhang erkennen lassen, ist ihnen eines doch gemein: Mit der Zahl Sieben – oder einem Vielfachen davon – verbindet ein Großteil der Menschen seit jeher eine besondere Bedeutung oder Mystik, die sowohl in der religiösen Tradition und als auch unserem Bewusstsein (auch un-/unterbewusst) fest verankert ist: Nach einer alten Bauernregel folgt das Wetter für sieben Wochen der am 27. Juni („Siebenschläfer“) herrschenden Wetterlage. Dieser Tag wird auf eine christliche Legende zurückgeführt – die „sieben Schläfer von Ephesus“ –, die auch im Islam eine Tradition besitzt.

In der Kabbala, der jüdischen Zahlenmystik, wird der Sieben die Eigenschaft „Abhängigkeit von anderen“ zugeordnet. Dies eröffnet philosophisch durchaus eine tiefe Deutung (z. B. Beziehung Gott-Mensch oder Mutter-Kind-Verhältnis). Numerologisch steht die heilige Zahl Sieben für das Universum, den Makrokosmos und die Vollständigkeit – also das Ganze, in dem alles andere enthalten ist. Die Summe von Drei (Himmel) und Vier (Erde) umfasst sowohl das Geistliche als auch das Weltliche. 7 × 7 × 7 bedeutet danach unendlich.

Auch im Alter eines jeden Menschen hat die Zahl Sieben eine besondere Bedeutung: Mit sieben Jahren steht der Entwicklungssprung vom Klein- zum Schulkind an, mit 14 setzt zumeist die Pubertät ein, mit 21 begann früher das Erwachsenenleben usw. 70 Jahre war lange Zeit ein Alter, das es zu erreichen galt. Alle sieben Jahre sind wir – biologisch wie rechnerisch – quasi ein anderer, neuer Mensch. Dies erleben Christen sogar jedes Jahr; nicht nur während der siebenwöchigen Passions- und Fastenzeit:

Karfreitag hörte Simon Petrus den Hahn krähen; wegen seines Verrats an Jesus weinte er bitterlich. Nachdem dieser seine „letzten (der) sieben Worte“ am Kreuz gesprochen hatte, verschied er – am siebenten Wochentag nach jüdischem Kalender. Wir sollten dennoch keine Angst vor der Zahl Sieben haben – freuen wir uns auf Ostern und vertrauen wir der Oster-Botschaft: So wie Jesus am Kreuz von seinen Leiden erlöst wurde und danach ein neues Leben fand, beginnt durch seine Auferstehung für uns alle Jahre wieder ein neues Leben. Egal, wie oft der Hahn zuvor gekräht hat.

Peter Laborenz

 

 

 

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