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An den geographischen Wurzeln der Reformation

Die iranische Gemeinde und einige Mitglieder der Bethlehemsgemeinde besuchten am 6. Oktober 2007 Wittenberg und schauten unter der sachkundigen Führung von Herrn Dr. Michael Weichenhan nach den Spuren der Reformation. Authentische Zeugnisse aus der Zeit sind allerdings nur wenige vorhanden, im Wesentlichen ist das, was wir heute sehen, der Sichtweise des 19. Jahrhunderts geschuldet. Dies erfuhren wir gleich am Anfang unserer Führung, an der in dieser Zeit gepflanzten sog. Luther-Eiche vor dem ehemaligen Elstertor. Sie soll die Stelle bezeichnen, wo Martin Luther (1483–1546) die Bannbulle des Papstes öffentlich im Dezember 1520 verbrannt und damit offen den Bruch mit der Papstkirche vollzogen hatte.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Luther mit dem – unter Historikern umstrittenen – Anschlag seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel an das Portal der Schlosskirche im Oktober 1517. Die Schlosskirche selbst, so wie wir sie heute als eine Art „Ruhmeshalle der Reformation” sehen, ist das Ergebnis einer umfassenden Erneuerung in den Jahren 1885–92 durch den Architekten Friedrich Adler auf Initiative des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des späteren Kaiser Friedrich III. (Von Friedrich Adler ist auch die Thomaskirche am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg.) Wittenberg, einst im 16. Jahrhundert Residenz des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen und Standort einer europaweit berühmten Universität (gegr. 1502), an der Luther seit 1508 Professor war, hatte zu dieser Zeit jedoch seine besten Jahre hinter sich: die Schlosskirche im Siebenjährigen Krieg 1760 ausgebrannt und in den napoleonischen Kriegen nochmals verwüstet, die Universität zugunsten von Halle 1815 geschlossen, die Stadt zum preußischen Provinznest degradiert, nachdem Sachsen durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 über die Hälfte seines Territoriums und annähernd die Hälfte seiner Bevölkerung verloren hatte.

In der Stadtkirche, Luthers bevorzugter Predigtkirche, konnten wir sehen, wie die Reformation mit künstlerischen Mitteln propagiert wurde: In dem ein gutes Jahr nach Luthers Tod geweihten Tryptichon des Hauptaltars von Lukas Cranach dem Älteren und dem Jüngeren ist links Melanchton dargestellt, wie er ein Kind tauft; in der Abendmahlszene auf der Mitteltafel sitzt Luther als Junker Jörg inmitten der Jünger; rechts nimmt Johannes Bugenhagen die Beichte ab; die Predella unten zeigt Luther predigend auf einer Wandkanzel, wie er auf den Gekreuzigten verweist, in der Gemeinde sehen wir u. a. Luthers Frau und Sohn sowie seinen Freund Lukas Cranach d. Ä. Ein besonders hübsches Bild ist das Epitaph für Paul Eber von Lukas Cranach d. J. (1569), der „Weinberg des Herrn”: Im linken Teil verwüsten mehr oder weniger katholische Würdenträger den Weinberg, während rechts die Arbeiter Luther, Melanchton, Bugenhagen u. a. sachgerecht den Weinberg hegen und pflegen.

Die Gruppe vor der Schlosskirche in Wittenberg

Zeugnisse einer solchen für die Zeit typischen Polemik finden wir auch neben vielem anderem zur Geschichte der Reformation im ehem. Augustinerkloster (gegr. 1503) und Luthers Wohnsitz seit 1524. Mit der sogenannten Lutherstube, dem 1535/38 eingebauten Familienzimmer, ist uns sogar noch ein authentischer Innenraum aus Luthers Zeit erhalten geblieben.

Der Hauptaltar (Reformationsaltar) in der Stadtkirche
von Wittenberg

Epitaph für Paul Eber mit dem ‚Weinberg des Herrn‘

Mit der Bahn (RE 5) ist Wittenberg von Berlin aus bequem im Stundentakt nach ca. 70 Min. Fahrzeit zu erreichen; für einen Tagesausflug ein allemal lohnendes Ziel.

Günther Matthes

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