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Gotteswahn? Atheismuswahn!

Seit geraumer Zeit steht ein Buch auf den Bestseller-Listen, welches u.a. das alte Klischee bedient, christlicher Glaube und Naturwissenschaft seien im Grunde unvereinbar. Der englische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, Verfasser des Standardwerks „Das egoistische Gen“, denunziert in seinem Pamphlet „Der Gotteswahn“ von seiner Warte folgerichtig auch alle seine Wissenschaftlerkollegen, die von den Grenzen der Naturwissenschaft sprechen und religiöse Vorstellungen mit Naturwissenschaft zu verbinden versuchen, als heuchlerisch, bequem, korrupt oder gar feige. Sind Naturwissenschaft und Glaube tatsächlich unvereinbar? Oder sind sie nur in dem Sinne vereinbar, wie es uns fundamentalistische Christen mit ihrer Theorie des Kreationismus bzw. des Intelligence Design weismachen wollen, in denen die Bibel als Autorität in Fragen der Naturwissenschaft bemüht wird?

Calvin schreibt in der Institutio: Gott „hat sich … derart im ganzen Bau der Welt offenbart und tut es noch heute, daß die Menschen ihre Augen nicht aufmachen können, ohne ihn notwendig zu erblicken … Im Himmel und auf Erden sind unzählige Zeugnisse, die seine wunderbare Weisheit beweisen. Ich denke nicht nur an die verborgenen Dinge deren genauerer Erforschung die Sternkunde, die Medizin und die gesamte Naturwissenschaft dient. Vielmehr habe ich solche Zeugnisse im Auge, die sich dem Blick auch des Unkundigen aufdrängen, so daß sich die Augen nicht auftun können, ohne notwendig Zeugen dafür zu sein (I,5,1–2).

Eine fundierte Auseinandersetzung mit Richard Dawkins und dessen Theorie über Religion sowie seine Behauptung, Religion sei verantwortlich für die meisten Gräuel der letzten Jahrhunderte, ist von Alister McGrath (mit Joanna Collicut McGrath) erschienen: „Der Atheismuswahn. Eine Antwort auf Richard Dawkins und den atheistischen Fundamentalismus.“, GerthMedien 2007, 149 S. geb. 9,95 EUR.

Der Theologie-Professor am King's College London und promovierte Naturwissenschaftler McGrath stammt aus Nordirland, studierte anfangs Mathematik, Physik, Chemie und forschte in molekularer Biophysik. McGrath bedauert, daß ein „so begabter und allgemein verständlicher Naturwissenschaftler“ wie Dawkins in seinem Buch âDer Gotteswahn' ohne seine sonstige objektive Betrachtung und gewissenhafte Recherche aggressiv einen fundamentalistischen Atheismus vertrete.


Gott macht sich gleichsam ähnlich einer Amme, die nicht zu einem kleinen Kind spricht, wie sie es zu einem Erwachsenen täte … unser Herr hat sich so auf vertraute Art und Weise uns angepat.
Calvin Werke 28,387f

   

Kürzlich ist eine weitere Auseinandersetzung mit Dawkins’ ‚Gotteswahn‘ erschienen: Richard Schröder, „Abschaffung der Religion? Wissenschaftlicher Fanatismus und die Folgen.“, Freiburg, Basel, Wien (Herder) 2008, 224 S. geb. 14,95 EUR.
Der promovierte Theologe Prof. Richard Schröder lehrte Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Er ist u.a. Verfassungsrichter im Land Brandenburg und Mitglied des Nationalen Ethikrats.

In der Vorbemerkung des Buches heißt es:
„Dieses Buch ist veranlasst durch ein anderes Buch: Richard Dawkins, ‚Der Gotteswahn". Es ist dennoch keine zum Buch aufgeblähte Rezension. Bei sachlichen Fehlern, wie dem, da der Hebräerbrief von Paulus stamme, habe ich mich deshalb gar nicht aufgehalten. Sie sind mir nicht wichtig, wenn auch nicht gerade selten in diesem Buch. Aber die Art, wie Dawkins fragt und antwortet, kann beanspruchen, für viele Zeitgenossen repräsentativ zu sein. Andererseits liest sich ein Buch, das vor allem gegen christliche Fundamentalisten in den USA und gegen islamistische Fundamentalisten gerichtet ist, vor dem Erfahrungshintergrund eines Christen in einer postkommunistischen, immer noch atheistisch geprägten Gesellschafl sehr viel anders als in Oxford.
Dieses Buch möchte nicht bekehren, weder zu „der Religion“ (die es ja gar nicht gibt), noch zum chrisflichen Glauben. Es möchte über die Themen des Streits informieren. Und es möchte daran erinnern, da jenseits der naturwissenschaftlichen Forschung nicht das freie Feld des wilden Mutmaßens beginnt, sondern auch dort die Sorgfalt des Denkens, der Wahrnehmung und des Unterscheidens unerlälich ist. Auch wer die Religion und das Christentum bekämpfen und zum Atheismus bekehren möchte, sollte seine Gegner erst studieren und dann polemisieren.“


Töricht handelt aber, wer den Ungläubigen beweisen will, die Schrift sei Gottes Wort. Denn das kann ohne den Glauben nicht erkannt werden.
Calvin, Institutio I 8,13

(Dezember 2008)

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