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Ein runder Geburtstag – 650 Jahre Rixdorf/Neukölln

Während in der Regel Jubiläen von Dörfern und Städten sich nach ihrer schriftlichen Ersterwähnung richten, liegt uns für Rixdorf/Neukölln als einziger Gemeinde in der Mark Brandenburg aus dem Mittelalter eine ‚richtige‘ Gründungsurkunde vor: Am 26. Juni 1360 wird der sich im Besitz des Johanniterordens befindliche Gutshof Richardsdorp in ein Dorf umgewandelt, das ungef. 100 Einwohner hat. Der Ursprung der Namensgebung ist unklar. Geht sie auf eine frühere Dorfgründung durch einen Tempelherrn zurück? Bezieht sie sich auf den damals populären Bischof Richard von Chicester?

1435 verkauft der Johanniterorden seinen gesamten Besitz auf dem Teltow und das Dorf gelangt als „ewiges Lehen“ zu der Doppelstadt Berlin-Cölln. Später kommt es in den alleinigen Besitz Cöllns (bis zur Vereinigung mit Berlin im Jahre 1710). In der Urkunde über den Verkauf wird auch die Dorfkirche zum ersten Mal erwähnt.

Wie die gesamte Mark Brandenburg, so hat auch Rieksdorf – wie es bis ins 18. Jahrhundert hieß – im Dreißigjährigen Krieg schwer gelitten, 1652 lebten dort gerade noch acht Familien.

In den Jahren ab 1732 kommen in mehreren Schüben evangelische Glaubensflüchtlinge aus Tschechien nach Berlin. Für einen Teil von ihnen erwirbt 1737 König Friedrich Wilhelm I. (der „Soldatenkönig“) das Rixdorfer Schulzengut und siedelt dort durch Los ausgewählte 18 Familien in neun Doppelgehöften als Bauern an, dazu kommen noch Einleger (die als Arbeitskräfte auf den Höfen leben) und Häusler (die nur Haus und Garten besitzen). Die nicht in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen verdienen ihr Auskommen als Weber. Rixdorf gibt es nun doppelt: Deutsch-Rixdorf (womit das alte Dorf gemeint ist) und Böhmisch-Rixdorf. Während das alte Dorf weiter dem Berliner Magistrat untersteht, wird das böhmische Dorf vom königlichen Amt Mühlendorf verwaltet. Weitere böhmische Siedlungen entstehen bei Schöneberg, Rummelsburg, Friedrichshagen, Grünau und auf der Neuendorfer Feldflur östlich von Potsdam, das heutige Babelsberg, das bis 1938 Nowaves (Neudorf) hieß.

Nach Befragung der Flüchtlinge, zu welchem Bekenntnis sie sich zugehörig fühlen, bilden sich 1747 die drei böhmischen Gemeinde heraus: die böhmisch-lutherische und die böhmische-reformierte sowie als größte ein Ableger der Herrnhuter Brüdergemeine. Für die lutherische und die reformierte Gemeinde wird 1751 ein gemeinsam genutztes Schul- und Bethaus errichtet, im 19. Jh. wegen Baufälligkeit abgerissen und bis 1837 neu gebaut, dient es uns heute als Gemeindehaus. Am nördlichen Dorfrand gelegen übersteht es den großen Brand, dem 1849 fast das ganze böhmische und ein Teil des deutschen Dorfes zum Opfer fällt.


»Rixdorfer Bühne« mit Nachfahren der böhmischen Glaubensflüchtlinge, (links im Bild, wie sie von Alt-Herrnhut in der Oberlausitz wegziehen), oben die Ansicht von Rixdorf 1790 nach dem Bild von J.F. Henning, auf dem Schild die Erinnerung an den großen Brand 1849, vorne links ein Mitglied der Hausbesetzerszene Anfang der 80er Jahre. Wandbild der Künstlergruppe Ratgeb von 1981 auf der Brandmauer des Hauses Richardstraße 99 vom Gemeindegarten aus (jetzt leider verbaut).


Rixdorf von Süden um 1790. Stich von J. F. Henning


Das böhmische Dorf von Norden, links das Schul- und Anstaltshaus der Brüdergemeine, in der Mitte die Scheunen mit dem Giebel zur Kirchgasse, rechts das Schul- und Bethaus der lutherischen und reformierten Gemeinde

Die beginnende Industriealisierung lässt die Bevölkerungszahlen sprunghaft ansteigen nachdem im Siebenjährigen Krieg (1756–63) und in den Napoleonischen Kriegen Rixdorf wieder in Mitleidenschaft gezogen wurde. 1817 hat Deutsch-Rixdorf 398 und Böhmisch-Rixdorf 337 Einwohner. 1871 dagegen leben in Deutsch-Rixdorf bereits 6000 und in Böhmisch-Rixdorf 2000 Menschen. Mit dem Ausbau von Kanälen und der Eisenbahn wird Rixdorf zum Standort des Maschinenbaus und der Verarbeitung von Stein, Glas und Erden.

1874 werden beide Dörfer vereinigt (zwei Jahre vorher wurden sie mit Britz bereits zu einem Amtsbezirk zusammengeschlossen) und erhalten 1899 als zweite Berliner Vorortgemeinde nach Schöneberg das Stadtrecht; die Einwohnerzahl beträgt mittlerweile 80.000. Sie ist eine Industrie- und Arbeiterstadt und besitzt mit der Hasenheide auch Berlins größten Vergnügungspark („In Rixdorf ist Musike…“). Um die Stadt dennoch für wohlhabende bürgerliche Schichten anziehend zu machen wird Rixdorf am 27. Januar 1912 (Kaisers Geburtstag) in Neukölln umbenannt, womit an die jahrhundertelange Zugehörigkeit zu Cölln angeknüpft werden sollte.

1905 hatte bereits im Berliner Norden eine Gemeinde vorgemacht, wie ein negatives Image durch Namensänderung abgestreift werden kann. Nachdem Gründung der psychiatrischen Heilanstalt (Karl-Bonhoeffer-Heilstätten) 1879, wurde aus Dalldorf das vornehmer klingende Wittenau.

1920 schließlich geht Neukölln als 14. Verwaltungsbezirk in der Einheitsgemeinde Groß-Berlin – wie sie damals genannt wurde – zusammen mit den Dörfern Buckow und Rudow auf.

Das Neuköllner Wappen spiegelt die ungewöhnliche Geschichte des Bezirks wider: Das weiße Johanniterkreuz auf rotem Grund im unteren Teil weist auf die Gründung durch den Johanniterorden hin. Der rote brandenburgische Adler im rechten Feld darüber steht für das ehemalige deutsche und der weiße Kelch für das ehemalige böhmische Dorf. Der Kelch symbolisiert in Böhmen seit dem 15. Jahrhundert den Kampf, das Abendmahl für alle Gläubigen in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) nehmen zu können.

Günther Matthes

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