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75 Jahre Barmer Theologische Erklärung

Mit der Barmer Theologischen Erklärung hat die Bekennende Kirche in Deutschland 1934 eine Abgrenzung gegenüber der Ideologie des Nationalsozialismus in der Kirche vollzogen. Die sechs Thesen der Erklärung wurden wesentlich von Karl Barth entworfen und auf der ersten Bekenntnissynode vom 29. bis 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen verabschiedet. Sie gelten als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis der Kirche im 20. Jahrhundert. Für einige deutsche Landeskirchen, wie etwa unsere Landeskirche, gehört die Barmer Theologische Erklärung zu den Bekenntnisgrundlagen, auf welche die Pfarrerinnen und Pfarrer ordiniert werden. Die 3. These der Barmer Erklärung lautet:

Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist. (Eph 4,15.16)
Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Brüdern, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, daß sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

Mancher sagt heute, die 3. These sei historisch überholt. Damals sei die Kirche in der Versuchung gewesen, sich dem Führerstaat anzupassen. Heute sei die Kirche frei von politischem Druck. Das ist wohl richtig. Wir leben in einem demokratischen Staat. Doch dass es heute keinen Anpassungsdruck gibt, kann man wohl nicht behaupten. Die „Organisation“ Kirche steht unter einem erheblichen Rechtfertigungs- und Veränderungsdruck. Die Kirchen haben ihr Deutungsmonopol in religiösen oder in sozialethischen Fragen verloren. Sie sind eine Stimme unter vielen. Ihre Präsenz in Rundfunkräten, an den Universitäten (Theologiestudium) oder in den Schulen (Religionsunterricht) ist zwar immer noch staatskirchenrechtlich verankert, wird aber von immer weniger Bürgern akzeptiert. Die finanzielle Basis der Kirchen erodiert, weil sich die klassischen (Ver-) Bindungen auflösen. Hinzukommen tiefgreifende demographische Veränderungen. In dieser Situation sind Kirchenleitungen geneigt, die Organisation „marktförmiger“ machen zu wollen.

Man nimmt Anleihen bei Unternehmensberatung, Marketing und „modernem“ Personalmanagement und gibt den Druck an die Pfarrerinnen und Pfarrer und die anderen hauptamtlichen Mitarbeiter weiter. Ihr Handeln soll „überprüfbar“ gemacht werden mit dem Ziel, die „Dienstleistungsqualität“ zu erhöhen. Welche Veränderungen damit verbunden sind, hat jüngst Isolde Karle, Professorin für Praktische Theologie beschrieben: „Die Bindung des Pfarrers bzw. der Pfarrerin an Schrift, Bekenntnis und Gemeinde tritt hinter den Ansprüchen der Organisation zurück. Pfarrer und Pfarrerinnen werden … zu … Funktionsträgern“ oder zugespitzt gesagt, zu „Fillialleitern“ der Konzernleitung, d.h. der Kirchenleitung.

Doch die Kirche ist nach evangelischem Verständnis nicht „Organisation“ (auch wenn sie mit organisationssoziologischen Kategorien beschreibbar ist), sondern sie ist die sich um das Wort versammelnde Gemeinde. Oder um es mit der „klassischen“ Definition auszudrücken: da wo das Wort dem Evangelium gemäß verkündet und gelehrt wird, die Sakramente im Sinne der Einsetzung durch Jesus Christus gereicht werden und Menschen zum Glauben finden oder in ihrem Glauben gestärkt werden, ereignet sich Kirche. Gewiss braucht es dazu auch Organisation und wie wir Reformierten meinen – eines vierfach gegliederten Amtes (Predigt, Lehre, Leitung, Diakonie). Aber dieses Amt oder die Organisation haben eine dienende Funktion für die Gemeinde. Sie sollen begleiten und unterstützen, bestärken und ermahnen und also das fördern, was vor Ort in der Gemeinde geschieht. Pfarrerinnen und Pfarrer sind auch nicht nur „Kommunikatoren“ und „Trainer“, sondern sie sind in erster Linie Theologen und als solche Ausleger und Prediger des Wortes. „Die Kirche hätte insofern allen Grund, ihre Reformbemühungen auf die Wortverkündigung zu konzentrieren und zwar auf die Inhalte, nicht nur auf ihre Präsentationsformen“, urteilt die bereits zitierte I. Karle. Und auf ein Weiteres muss heute mit Entschiedenheit hingewiesen werden: wer meint, Glauben mit marktwirtschaftlichen Mitteln generieren zu können, hat vor lauter Anpassung vergessen (oder verdrängt?), dass nach biblischem Verständnis der Glaube „nicht frei wählbar und auch mit den besten und effektivsten Mitteln nicht gezielt und erwartungssicher herbeizuführen“ ist. Es gibt also, wie sich zeigt, in den aktuellen Reformvorhaben eine Vielzahl an Punkten, an denen wir unter Hinweis auf die 3. Barmer These Widerspruch erheben müssen. „Barmen“ ist nicht überholt. Es ist kein Bekenntnis von gestern, sondern ein Bekenntnis mit großer Aktualität.

Bernd Krebs

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