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Was darf die Satire?

Kurt Tucholsky beantwortete diese Frage in seinem gleichnamigen Artikel im Berliner Tageblatt vom 27. Januar 1919 mit „Alles“. Ist es tatsächlich so?

In den 1920er Jahren gab es auch in Deutschland einmal eine heftige Auseinandersetzung um eine satirische Zeichnung, die ein religiöses Thema zum Inhalt hatte. Worum ging es?

Der dadaistische Künstler George Grosz bekam 1927 den Auftrag, für eine Bühnenbearbeitung des Romans ‚Der brave Soldat Schwejk‘ von Jaroslav Hasek eine Reihe von Zeichnungen zu liefern, die Teil der Inszenierung durch Erwin Piscator waren. Eine Auswahl davon veröffentliche Grosz 1928 in der Mappe ‚Hintergrund‘, darunter auch den gekreuzigten Christus mit Gasmaske zur Illustration von Schwejks Worten: „Jesus Christus war auch unschuldig und sie haben ihn auch gekreuzigt. Nirgendwo ist jemals jemandem etwas an einem unschuldigen Menschen gelegen gewesen. Maulhalten und weiterdienen! – wie man’s uns beim Militär gesagt hat. Das ist das Beste und das Schönste.“

Grosz war 1914 freiwillig in den Krieg gezogen und kam ein Jahr später kriegsuntauglich wieder zurück. Aus Protest gegen den deutschen Nationalismus anglisierte er seinen ursprünglichen Namen Georg Ehrenfried Groß und attakierte fortan in seinem Werk die „Stützen der Gesellschaft“ – vom Bourgeois, über die waffensegnenden Geistlichen und den nach „Klassenjustiz“ urteilenden Richter bis zum gemeinen Spießer; dabei nahm er sich besonders die Vertreter des preußischen Militärs vor.

Zusammen mit seinem Verleger Wieland Herzfelde wurde Grosz u. a. wegen der Zeichnung ‚Maulhalten und Weiterdienen‘ aufgrund des sog. Gotteslästerungsparagraphen 166 Strafgesetzbuch angeklagt, der damals religiöse Bekenntnisse vor Beschimpfungen schützen sollte. Grosz verteidigte sich, ihm sei bei Schwejks Worten die Vision gekommen, was wohl Christus in den Gräben des großen Krieges geschehen wäre, es sei nie seine Absicht gewesen, jemanden zu beleidigen. Es half nichts, das Urteil lautete auf 2000 Mark Geldstrafe oder zwei Jahre Gefängnis für jeden sowie Einzug der Zeichnungen und Vernichtung der Druckplatten.

Doch Grosz und Herzfelde gingen erfolgreich in Revision. Überraschenderweise folgte der als konservativ geltende Richter Grosz’ Argumentation und sprach beide frei. Grosz habe nicht die Gesamteinrichtungen der Kirche, sondern nur deren Auswüchse kritisieren wollen, soweit sie durch kriegshetzende Vertreter, entgegen ihrer Lehre, den Kriegsgeist unterstützt habe.

Doch das Gezerre ging weiter: 1930 hob das Reichsgericht den Freispruch auf und verwies den Fall wieder zurück. Der Richter aber blieb bei seiner Entscheidung, den § 166 StGB nicht in diesem Fall anzuwenden. Daraufhin ging 1931 der Staatsanwalt in Berufung, was zur Anordnung des Reichsgerichts führte, die Druckstöcke wegen möglicher Missdeutung unbrauchbar zu machen.

Nach der Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933 mussten sich Grosz und Herzfelde in die Emigration retten, mit der Zerschlagung des bürgerlichen Rechtsstaates verlor der liberal urteilende Richter als einer der ersten Juristen sein Amt.

Der Fall „Christus mit der Gasmaske“ scheint Tucholskys Feststellung zu bestätigen, denn in diesem Fall prangerte die Satire einen fürchterlichen Missstand an, war also durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt – ungeachtet möglicher Verletzung religiöser Gefühle. Darf also Satire alles?

Als 2012 massenhaft interne Dokumente aus dem Vatikan gestohlen wurden, brachte die Satirezeitschrift Titanic ein Titelbild, das den Papst Benedikt XVI. in Schritthöhe mit gelb befleckter Soutane zeigte, desgleichen war auf der Rückseite in Gesäßhöhe die Soutane mit Kot befleckt, dazu die Überschrift: „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“ In diesem Fall hatte der Papst erfolgreich durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hamburg die Gestaltung des Covers untersagen lassen. Begründet hat das Gericht dies allerdings nicht mit der möglichen Verletzung religiöser Gefühle von Katholiken, sondern mit der Verletzung der Menschenwürde des Betreffenden.


George Grosz: Maulhalten und Weiterdienen (1927)

Anders als bei Karikaturen des jetzigen Papstes, die sich kritisch mit dessen unglücklichen Äußerungen zur körperlichen Bestrafung von Kindern auseinandersetzen, ging es damals nicht um Kritik am Papst in seiner Funktion als geistliches Oberhaupt der Katholiken, sondern um die Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte als deutscher Staatsbürger. Satire findet somit ihre Grenzen in persönlicher Diffamierung und Verletzung der Menschenwürde, sie darf also nicht „alles“.

Der sog. Gotteslästerungsparagraph wurde 1969 in dem Sinne neu gefasst, dass das schützenswerte Rechtsgut nun nicht mehr die religiösen Gefühle des einzelnen, sondern der öffentliche Friede ist („Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören …“). Umstritten ist der Paragraph nach wie vor, angewandt wird er nur sehr eingeschränkt, das Recht der freien Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst haben in der Regel Vorrang. Für uns könnte dies heißen: Gott kann in seiner Allmacht sowieso nicht beleidigt werden, er braucht keine Richter, die ihn schützen. Was die eigene Betroffenheit durch geschmacklose Karikaturen und andere Veröffentlichungen angeht, ist es besser, sie nicht zum allgemeinen Maßstab erheben zu wollen. Zuviel Schindluder wurde – und wird ! – mit dem angeblichen Schutz religiöser Bekenntnisse getrieben. Dennoch bleibt es eine Ermessensfrage, ob Texte oder Bilder veröffentlicht werden, durch die inkaufgenommen wird, religiöse Gefühle zu verletzen. Es besteht weder eine Verpflichtung solches wegen unbedingten Bestehens auf Meinungs- und Kunstfreiheit zu tun noch es wegen Schonung von religiösen Gefühlen zu unterlassen; für beide Haltungen kann es jeweils gute Gründe geben.

Papst Benedikt hat übrigens seinen Antrag auf einstweilige Verfügung zurückgezogen, obwohl er im Recht war. Das erschien ihm klüger, denn die Titanic nutzte den Vorfall, um einen Riesenwirbel aus der Sache zu machen und für sich selbst zu werben. In unseren Zeiten politischer Korrektheit gibt es – wie ein italienischer Kommentator einmal bemerkte – anscheinend drei Gruppen in der Gesellschaft, die man wohlgemut diskriminieren kann: Jäger, Raucher und Katholiken …

Günther Matthes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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