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Juden – früher Opfer, heute Täter?

Wieder gab es Krieg im Gazastreifen, wieder gab es viele zivile Opfer. Wieder gab es Demonstrationen und Kundgebungen gegen Israel als vermeintlichem Kriegstreiber und Aggressor. Auch in Berlin wurden üble, hasserfüllte Parolen nicht nur gegen Israel, sondern gegen Juden allgemein gebrüllt. Juden – früher Opfer, heute Täter?

Die französische Revolution brachte für die Juden in Europa seit 1791 die bürgerliche Gleichberechtigung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts war sie schrittweise bis 1918 vollendet. Dieser Befreiung der Juden aus dem Ghetto entsprach auf ihrer Seite die Integration in die christlich geprägte Gesellschaft. Ihre Religion sollte gleichberechtigt neben den christlichen Konfessionen stehen, bürgerliches Engagement in Politik, Wirtschaft und Kultur sollte die Juden zu anerkannten Mitgliedern der Gesellschaft machen getreu der Aufforderung des Propheten Jeremia an die Verbannten im babylonischen Exil: „Und sucht das Wohl der Stadt, in die ich euch in die Verbannung geführt habe, und betet für sie zum HERRN, denn in ihrem Wohl wird euer Wohl liegen“ ( Jer. 29,7). 
      Doch mit der Integration der Juden wandelte sich auch die Feindschaft gegen sie vom religiös geprägten Antijudaismus zum rassistischen Antisemitismus. Der preußische Historiker Heinrich von Treitschke prägte 1879 das berüchtigte Wort „die Juden sind unser Unglück“. 1895 wurde der Antisemit Karl Lueger mit absoluter Mehrheit zum Oberbürgermeister in Wien gewählt. Ein Jahr vorher, 1894, wurde der französische Generalstabsoffizier Alfred Dreyfus wegen angeblicher Spionage für Deutschland verurteilt (und musste Jahre später rehabilitiert werden). Begleitet wurde der Prozess von einer beispiellosen Hetze aller reaktionären, klerikalen und monarchistischen Kräfte in Frankreich; mit Infragestellung der Rechte der Juden sollte die ganze bestehende republikanische Ordnung im Land infragegestellt werden.
      Auf diesem Hintergrund entstand die politische Bewegung des Zionismus mit dem Ziel, einen eigenen jüdischen Staat zu errichten. Entsprechende Ideen gab es zwar immer wieder, führten auch nach Pogromen 1881 zu einer ersten Auswanderungswelle aus Russland nach Palästina. Mit dem 1. Zionistischen Kongress in Basel nahm die Bewegung feste organisatorische Formen an. Maßgeblich begründet wurde der Zionismus von dem assimilierten jüdischen Journalisten Theodor Herzl (1860–1904). Obgleich zu Anfang nicht recht klar war, wo der jüdische Staat sein sollte, bildete sich bald als Ziel Palästina, Eretz Jisra’el, „Land Israel“ heraus. Zu Beginn der jüdischen Einwanderung lebten dort 457.000 Menschen. 400.000 waren Muslime, 13.000 – 20.000 Juden und 42.000 Christen. Das Land war also nicht menschenleer, aber in Jahrhunderten osmanischer Kolonialherrschaft ein vernachlässigter, bitterarmer Landstrich geworden. Die jüdische Besiedlung, die ab 1905 verstärkt einsetzte, stellt ein beispiellose Kultur- und Aufbauleistung dar. Das Ideal der Arbeit und die Verbundenheit mit dem Boden waren zentrale Punkte der zionistischen Ideologie, der Kibbuz als kollektive Lebensform entstand. 


      Wollten damals viele Juden in Europa die Notwendigkeit eines jüdischen Staates nicht einsehen, so übertraf die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten die schlimmsten Befürchtungen jüdischerseits. Besonders tragisch war, dass ausgerechnet in Deutschland der Antisemitismus seine desaströse Dynamik entfaltete, galt doch dieses Land als ein Zufluchtort vor Pogromen in Ost- und Ostmitteleuropa, viele Juden gerade von dort waren mit der deutschen Kultur aufs engste verbunden.

      Nach dem Teilungsplan der UNO von 1947 konnte 1948 der jüdische Staat gegründet werden und Israel musste sich sogleich kriegerisch gegen die gesamte arabische Welt behaupten. Eine Massenflucht von Arabern aus Palästina setzte ein, die Araber selbst sprechen von Vertreibung. Weitere Kriege folgten 1956, 1967 – mit der bis heute andauernden Besetzung von Ost-Jerusalem und der Westbank, 1973. Mit Ägypten und Jordanien konnten Friedensabkommen geschlossen werden. 1993 schien eine Wende im Verhältnis zu den palästinensischen Arabern eingetreten zu sein, der Weg zu einer Zwei-Staaten-Lösung geebnet, aber seit dem Mord an dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin durch einen jüdischen Rechtsradikalen stagniert der Friedensprozess, eine Lösung ist nicht abzusehen.        Im übervölkerten Gazastreifen, aus dem sich die israelische Besatzung 2005 zurückgezogen hat, herrscht die islamistisch-faschistische Hamas. Im Lauf der Zeit hat sie 80 Selbstmordanschläge verübt und mehr als 1000 Israelis getötet. Erst seit dem Bau der Sperrmauer zu den Palästinensergebieten hat dies ein Ende. Vom Gazastreifen aus beschießt die Hamas aber immer wieder Israel mit Raketen, in deren Reichweite 40 % der Israelis, 3,5 Mio. Menschen, leben. Terrortunnel werden nach Israel gegraben. Zivile Opfer unter der eigenen Bevölkerung nimmt die Hamas bewusst in Kauf, ihr zynisches Kalkül scheint zu lauten: je mehr tote palästinensische Kinder durch israelische militärische Maßnahmen, desto mehr setzt sich Israel ins Unrecht. Laut israelischen Angaben wurden bei den jüngsten Auseinandersetzungen 597 der auf Israel abgefeuerten Raketen von zivilen Stätten aus abgeschossen (Bildungseinrichtungen, Friedhöfe, religiösen Stätten, Krankenhäusern).
      Sicher, schaut man sich die Opferzahlen der palästinensischen Bevölkerung im letzten Gazakrieg Sommer 2014 an, stehen sie in ungeheurem Missverhältnis zu denen Israels. Jeder Krieg hat seine zerstörerische Eigendynamik, den „sauberen“ Krieg gibt es nicht. Die Hamas hat aber für Palästina keine positive Perspektive, sie versteht sich offensichtlich nur als Speerspitze zur Vernichtung Israels, des jüdischen Staates. Wie soll es mit solch einem Gegner Frieden geben können?

Günther Matthes

siehe auch: Maxim Biller, Antisemiten sind mir egal (Die Zeit 41/2014)

 

 

 

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