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Hat der Terror nichts mit dem Islam zu tun?

Mit „dem“ Islam hat der Terror, wie er am 7. Januar 2015 mit der Ermordung von 17 Menschen in Paris (wieder einmal) zuschlug, sicher nichts zu tun, weil es „den“ Islam so nicht gibt, denn der Islam existiert in unterschiedlichen Strömungen, Lehrmeinungen, Schulen. Außerdem distanziert sich die große Mehrheit der Muslime von solchen Terroranschlägen, wie die eindrucksvolle Kundgebung auf dem Pariser Platz am 13. Januar 2015 zeigte, zu der die muslimischen Verbände aufgerufen hatten.

Es gibt allerdings eine Richtung im Islam, auf den sich die Terroristen, wie auch die hinter ihnen stehenden Hassprediger oder diverse Unterstützergruppen berufen, den Salafismus. Salafiya bedeutet ‚die Altvorderen‘, d. h. die Salafisten berufen sich auf Leben und Wirken der ersten drei Generationen im Islam nach dem Propheten Mohammed, der Koran und die mündliche Überlieferung (Hadithen) aus dieser Zeit haben absolute Gültigkeit. Alle späteren Lehrmeinungen werden verworfen, wie auch die islamische Mystik (Sufis) und die Heiligenverehrung. Im 13./14. Jahrhundert begründet, wurde die Salafiya durch den aus Innerarbien stammenden und im 18. Jahrhundert wirkenden Theologen Ibn Ab-del Wahhab zu einer intoleranten Doktrin im Dienste des saudischen Herrscherhauses ausgebaut. Seit den 20er Jahren bezeichnen sich seine Anhänger als Salafisten; in Saudi Arabien ist die Salafiya als Wahhabismus Staatsreligion. Unter Muslimen und Andersgläubigen wird staatlicherseits und von Seiten von Privatleuten eine rege Missionierungstätigkeit entfaltet, finanziert u. a. durch milliardenschwere Erlöse aus der Erdölförderung. Das Schreckensregime des sogenannten Islamischen Staates hat natürlich ebenfalls den Salafismus zur ideologischen Grundlage und erfreut sich der üppigen finanziellen Überstützung aus Saudi Arabien und anderen Golfstaaten.

Politisch ist der Salafismus eine rückwärtsgewandte Utopie, indem er die Frühzeit des Islams als idealen gesellschaftlichen Zustand ansieht, den es überall auf der Welt zu verwirklichen gilt. Dabei wissen wir gar nichts genaues über diese Frühzeit des Islam, denn die traditionelle schriftliche Überlieferung setzt erst 150 Jahre nach Mohammeds Tod im Jahr 632 ein, außerislamische Quellen berichten nichts.

Die Salafisten „sehen im Islam eine reine Gesetzesreligion; ihre Lehrmeinungen basieren auf einem wortwörtlichen Verständnis islamischer Quellen ohne nach dem inhaltlichen Sinn dieser Texte zu fragen. Jeder Einsatz von Vernunft als eigenständige Quelle der Erkenntnis wird von ihnen verworfen. Eine zeitgemäße Interpretation dieser Quellen wird genauso wie eine historische Kontextualisierung strikt abgelehnt“ (Mouhanad Khorchide). Der Islam wird so zu einer „Karikatur seiner selbst“ (Navid Kermani) gemacht.

Das heilige Buch des Islams, der Koran, ist nicht nur die Offenbarung des einen Gottes, Allah, der sich selber als der „Erbarmer“, der „Barmherzige“ vorstellt (Sure 1,1), sondern enthält auch Anweisungen, die zur Selbstbehauptung eines mittelalterlichen Gemeinwesens (beispielsweise Sure 5,33 oder Sure 9,5) oder mittelalterlicher „Rechtspflege“ (beispielsweise Sure 5,38) dienen.

Wer sich aus diesen politisch-gesellschaftlichen Anweisungen ein Hassideologie zusammenbaut, verdunkelt die eigentliche Botschaft des Korans, wie sie sich beispielsweise in Sure 5,32 ausdrückt – „… haben wir den Kindern Israels angeordnet, dass wer einen Menschen tötet … wie einer sein soll, der die ganze Menschheit tötet. Und wer ein Leben erhält soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten.“
Viele Muslime fordern deshalb heute, die heiligen Texte in ihrem historischen Zusammenhang zu lesen und zu trennen zwischen den eigentlichen Glaubensinhalten und zeitbedingten Aussagen. Der Münsteraner Professor für islamische Relgionspädagogik Mouhanad Khorchide unterscheidet beispielsweise zwischen den mekkanischen und den medianischen Suren im Koran, den Suren, die vor und denen, die nach der sog. hidğra, der Flucht Mohammeds von Mekka nach Medina im Jahr 622, verkündigt wurden. Vor 622 ging es um den „reinen Monotheismus, die Attribute Gottes sowie die Ankündigung des Jüngsten Gerichts“, „Ziel … in dieser Phase war … der Bruch mit den (barbarischen G. M.) Stammestraditionen und dem Polytheismus. In Medina konnte Mohammed die islamische Gemeinschaft (umma) begründen. „Neben spirituellen und ethischen Aspekten wurden jetzt Gesetze und Regelungen vorgeschrieben, die das gesellschaftliche Leben prägen sollten.“Gehorsam zu fordern – „gehorcht Gott, gehorcht seinem Gesandten und den Verantwortlichen für euch“ (Sure 4,59) – mag in dieser Phase der Konsolidierung notwendig gewesen sein, später wurde eine solche Anweisung zur Legitimierung politischer Macht instrumentalisiert und auf sie eine Pädagogik der Angst und der Furcht vor Strafe gegründet.

Wie sich der Islam entwickelt, welche Lesart sich durchsetzt, entscheidet darüber, ob Islam mit „Unterwerfung“ unter einen kleinlich diktatorischen Gott, dem Gehorsam und Äußerlichkeiten über alles gehen, oder ob Islam mit „Hingabe“ an einen erbarmenden, liebevollen Gott übersetzt werden kann.

Günther Matthes

„Islam ist Barmherzigkeit“ lautet der Titel des Buches, in dem Mouhanad Khorchide die „Grundzüge einer modernen Religion“ entwickelt. Jedem, der sich ein Bild des Islams jenseits von Terror, Bigotterie oder Parallelgesellschaft machen will, sei dieses Buch empfohlen (Freiburg i. Br. [Herder-Verlag] 2012, 220 S., 18,99 €).

In einer Sendung des Schweizerischen Fernsehens SRF diskutiert Khorchide mit dem Politologen Hamed Abdel-Samad („Mein Abschied vom Himmel“, „Der islamische Faschismus“).

Zu Khorchides Position gibt es von muslimischen Verbänden einige kritische Stimmen, beispielsweise die von der DITIB-Vertreterin Şeyda Can.

Zu den Terroranschlägen siehe auch die Rede von Navid Kermani, gehalten auf der Trauerkundgebung für die Opfer am 14. 1. 2015 in Köln: Die Zeit (Nr. 3) vom 15. 1. 2015.

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