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Karl Barth Martin Luther und Johannes Calvin – unsere Kirchenväter?

Beide Männer, und manche ihrer Genossen in ihrer Weise neben ihnen, haben schon zu ihren Lebzeiten rein faktisch eine Autorität besessen und ausgeübt, die weit über die Autorität hinausging, die ihnen in ihren lokalen kirchlichen und akademischen Ämtern zukam. Eben diese kirchliche Autorität haben sie dann aber, jeder in seinem Bereich, bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts ganz eindeutig besessen und ausgeübt. Hätte sie in ihrer Kirche je vergessen werden können, so hätte schon die Polemik der katholischen Gegner dafür gesorgt, dass sie ihnen immer wieder lebendig vor Augen trat. In Abwehr dieser Polemik, insbesondere des Vorwurfs der Illegitimität der Reformation und der Reformationskirchen, hat die lutherische Orthodoxie einen richtigen Artikel De vocatione beati Lutheri (Über die Berufung des seligen Luthers) in ihre Dogmatik eingeführt, in welchem eingehend 1. die ordentliche Priesterweihe und Doktorierung Luthers, aber 2. auch die Tatsache seiner außerordentlichen Berufung bewiesen wird. Es ist nun gewiss kein Zufall, dass es in der reformierten Dogmatik derselben Zeit trotz äußerlich ähnlicher Lage zu einem Artikel De ministerio Calvini (Über das Amt Calvins) oder dgl. nicht gekommen ist, dass es einen Calvinismus oder eine calvinische Kirche in dem Sinn, wie es bis heute ein Luthertum und eine lutherische Kirche gibt, nicht geben konnte und – gerade wenn die Reformierten Calvin treu bleiben wollen – nie wird geben können. Das ist nicht nur mit einer theologischen Abneigung gegen allen Menschenruhm zu erklären, sondern damit, dass die Autorität Calvins insofern von Hause aus anders beschaffen war, als sie weniger als die Luthers auf den Eindruck seiner Person und seines Lebens, sondern viel ausgesprochener

auf seinem kirchlichen Unterricht als solchem beruhte. Calvin ist insofern in einem reineren Sinn Lehrer der Kirche gewesen, als es ihm mehr als Luther gegeben war, die Kirche durch seine Lehre (trotz und in all ihrer calvinischen Eigenart) zur heiligen Schrift selbst zu führen, sie an die Sache und nur in der Bemühung um die Sache dann auch an sich selbst zu binden. Es wird die gewisse Volkstümlichkeit, die der Figur Luthers eigen geblieben ist, die Wertschätzung als Apostel der ewissensfreiheit oder als religiöse Persönlichkeit oder als deutscher Mann mit seiner Anerkennung als Reformator und Kirchenlehrer gerade nicht verwechselt werden dürfen. Dasselbe gilt natürlich auch von den verschiedenen Spielarten des „historischen Calvinismus“! Kirchliche Autorität haben die Reformatoren immer nur dann und da gehabt und werden sie nur da wieder gewinnen können, wo es eine Autorität des reformatorischen Bekenntnisses gibt; diese selbst steht und fällt aber mit der Geltung des evangelischen Schriftprinzips
(„Allein die Schrift“) oder sachlich: mit der göttlichen Autorität der heiligen Schrift.
Wo diese anerkannt ist, da wird dann freilich für die Anerkennung der kirchlichen Autorität der Reformatoren als Ausleger und Verkündiger der heiligen Schrift von selbst gesorgt sein.

Karl Barth: Kirchliche Dogmatik I,2, S. 675–677

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