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Zum Gedenken an Rudolf Weckerling

Wer ist der Mensch, der Lust hat am Leben,
Tage liebt, Gutes zu sehen?

Wahre deine Zunge vorm Bösen,
deine Lippen vorm Trugreden,

weiche vom Bösen, tue Gutes,
trachte nach Frieden, jage ihm nach.

Ps 34,13–15

Am 31. Januars 2014 ist der Pfarrer, Publizist und Friedensaktivist Rudolf Weckerling im Alter von fast 103 Jahren verstorben.
… Proust sagt, im Tod sei das Plötzliche sanft. Das stimmt nicht immer, aber für Rudolf Weckerling mag ich es gern glauben. Sagte er doch schon eine Weile, dass er bereit sei zu gehen, aber der Herr noch nicht gerufen habe. Nun hat er gerufen und Rudolf Weckerling ist diesem Ruf gefolgt, wie er so vielen Rufen Gottes gefolgt ist: Zunächst 1929 zum Theologiestudium, dann 1934 zur Bekennenden Kirche, dann 1943 zu der Theologin Helga, seiner Frau, schon früh zur Ökumene, nach 1945 zum christlich-jüdischen Gespräch, gegen die Säuglingstaufe, zum Unterwegskreis gegen die konfessionelle Restauration, gegen Atomwaffen, nach Israel schon 1959, zu Aktion Sühnezeichen, zu vielen Berliner Gemeinden aber auch zu der deutschen Gemeinde in Beirut, nach der Pensionierung 1981 wurde er zu Vakanzvertretungen in Nairobi (Kenia) und in Lagos (Nigeria) gerufen. Diese Stationen beschreiben nur einen Bruchteil des so aktiven, widerständigen, lebenslustigen und – zuletzt auch lebenssatten – Christenmenschen. Rudolf Weckerling hörte diese Rufe und hielt nicht viel vom Begriff der Authentizität oder der Identität. Sich je und je verändern und reagieren auf die dringlichen Dinge in der Welt, dem Frieden nachjagen und Lust am Leben haben unter nicht immer einfachen oder auch unter heute unvorstellbaren Bedingungen. So wurde er nach seiner Zugehörigkeitserklärung zur Bekennenden Kirche und einem Fürbittgottesdienst für Martin Niemöller 1938 aus Hessen ausgewiesen; in Berlin dann Gestapohaft sowie Predigt- und Tätigkeitsverbot für das ganze Deutsche Reich. 1941 wurde er einberufen und kam an die Ostfront. 2009 bat er ehemalige sowjetische Kriegsgefangene um Verzeihung, dass er an diesem Krieg als Soldat überhaupt teilgenommen habe.

Die Kriegszeit zeigte ihm die Dämonen kirchlicher Kriegsbegeisterung oder zumindest Treue zu einem verbrecherischen Staat, des Antikommunismus und des Antisemitismus. So war es für ihn klar, dass er sich gegen die Restaurierung alten kirchlichen Selbstbewusstseins nach dem Krieg stellen musste. Schmerzhaft erfuhren Helga und er die restaurative patriarchale Seite von Kirche, als ihr 1948 der mit der 1941 erfolgten Ordination erteilte Dienstauftrag entzogen wurde. Seine Auseinandersetzung mit der Unbußfertigkeit von Kirche und Gesellschaft führte ihn auch zu Aktion Sühnezeichen und zum christlich-jüdischen Dialog, zu Israel und zur Ökumene – eine Verbindung, die heute eher ungewöhnlich ist.
Dankbar und traurig wollen wir für dieses Leben und Sterben, den Mutmacher, den Zuhörer, den Arbeitsverteiler, den Ideenreichen, den Weltläufigen, den „wenn nicht jetzt – wann dann?“-Sager, den Freund, den Verschmitzten, den Frommen, den Ungeduldigen und den Bruder Gott von Herzen Dank sagen.

(aus dem Nachruf der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste)

 

 

 

 

 

 

 

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