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Kirche und Gemeinde als Kompetenzzentrum

Nach dem Gottesdienst zum IV. Advent gehe ich die Hertzbergstraße entlang. Ein Schild am Laden eines Motorrad-Service-Geschäftes fällt mir auf, es lautet: „Kompetenzzentrum für Stahlflexleitungen“, was immer dies bedeuten mag.
Spontan stelle ich mir die Frage, ob die Kirche auch eine Art Kompetenzzentrum ist – etwa für Religions- oder Glaubensfragen. Dies ging mir den ganzen Tag nicht mehr aus dem Sinn: An wen wendet man sich bei Fragen zur Menschenwürde, zu sozialem Gewissen, Geburt, Hochzeit oder Tod? Wem traut man Kompetenz zu, wenn es darum geht, mit den sog. Wechselfällen des Lebens zurechtzukommen? Wenn man die eigene Last nicht mehr tragen kann oder will?
Der Mensch lebt nicht nur von Brot und Wasser. Der Mensch ist das Produkt aus Körper-Geist-Seele. Für die körperliche Fitness gibt es Sportvereine, Fitness-Studios und Ballett- oder Tanzkurse. Den Geist fordert und fördert man u. a. durch Lesen, Vorträge und Diskussionen. Und die Seele? Wie nährt, trainiert, formt und stählt man seine Seele? Wie misst und erreicht man seelische „Kompetenz“? An wem kann man sich hierbei orientieren?
Mit „Seele“ bezeichnet man – je nach religiöser, philosophischer oder psychologischer Lehre und Überzeugung – das spezifische, unsichtbare Etwas, in dem die Gesamtheit der Gefühle und geistigen Prozesse vereint sind. Die Seele steuert das Gewissen und Gefühlsregungen ebenso wie geistige Vorgänge – unbeeinflusst vom Willen. Sie macht den wesentlichsten Teil des Individuums aus und gilt in allen Religionen als unsterblich: Der Tod lässt sich als Trennung von Seele und Körper deuten – das Entweichen der Seele ist (im Moment des Todeseintritts) sogar messbar. Einem Verstorbenen wünscht man seinen „Seelenfrieden“.
Und wie erkennen wir die Seele im Leben? Ich weiß es nicht, aber ich, wir alle begegnen ihr im alltäglichen Umgang: Erkennen können wir sie im Bus oder der U-/S-Bahn, im Straßenverkehr, im Büro, Kaufhaus und im Altersheim. Menschen, denen wir nie vorher begegnet sind (und die wir niemals wieder treffen werden), machen uns freundlich Platz, sagen ein freundliches Wort, helfen Fremden, erweisen Älteren Respekt und nehmen Rücksicht auf Behinderte. Ohne, dass diese Menschen, in denen die Seele steckt, davon irgendeinen Vorteil haben oder erwarten.
Mag sein, dass der eine oder andere gerade einen Erfolg zu verzeichnen hatte oder aus anderen Gründen einfach „gut drauf“ ist. Oder weil Helfen, Teilen und Schenken dem Gebenden selbst ein gutes Gefühl vermittelt. Was sind das für Menschen im Krankenhaus oder in der Altenpflege, die sich einem Beruf oder einer Aufgabe widmen, bei dem/der Mitgefühl und Empathie unverzichtbare Voraussetzung sind? Menschen, die sich mit Leib und Seele dem Dienst am Menschen verschrieben haben, sind vor allem dort unverzichtbar, wo die Familie fehlt oder versagt. Eine Welt ohne Seele kann und möchte ich mir nicht vorstellen: Ohne Seele fehlen dem Körper und Geist das Bindeglied, das den Menschen erst zum Menschen macht. Seele ist, was uns Verstehen und Mitgefühl lehrt und erst ermöglicht; ohne Seele ist unser Bewusstsein nur eine leere Hülle unseres Selbst. Ohne Seele wäre der Mensch kein Mensch, ohne eine „gesunde“ Seele verschließt man sich und wendet sich ab von anderen Menschen.

Mitmenschlichkeit und Mitgefühl ohne Seele gibt es nicht. Der Gottesdienst vermittelt Hoffnung und Trost, Einsichten und Antworten auf Glaubensfragen und zu solchen des täglichen Lebens und Umgang miteinander. Nach einem Gottesdienst gehen mir unbewusst Gedanken der Predigt und Auslegungen von Bibeltexten noch eine ganze Weile durch den Kopf, oft leite ich daraus neue Sichtweisen und Handlungsempfehlungen ab. Auch spüre ich noch lange die besondere Atmosphäre und Gemeinsamkeit, die ich aus dem Gottesdienst mitnehme. Ein warmes, wohliges Gefühl erfüllt mich dann. Ich fühle mich dann regelrecht „beseelt“ und spüre dies nicht nur geistig, sondern auch körperlich. Geist und Körper folgen hierbei der Seele, nicht umgekehrt. Wer im „seelischen Gleichgewicht“ mit sich ist, bekommt Alltagsprobleme (auch mit den Mitmenschen) leichter in den Griff und kann mittels geistiger Konzentration und Meditation sogar seine Körperfunktionen steuern.
Sicherlich, gute Gefühle vermittelt auch ein Besuch im Kino, Theater oder Konzertsaal. Oder das Sitzen auf dem Sofa mit einem MP3-Player im Ohr, ein Spaziergang oder sportliche Aktivitäten. Aber was ist, wenn man das Bedürfnis nach menschlicher Nähe hat und Trost oder Ratschläge in schwierigen Situationen braucht? Wem kann ich meine Sorgen und Verlust-/Versagensängste anvertrauen? Einen Rundfunk- oder TV-Sender, der mir hierbei hilft und kompetente Antworten auf meine sehr persönlichen Fragen hat, gibt es wohl nicht. Und wer vermittelt mir Ratschläge und Erfahrungen bei seelischen oder Partner-Problemen, ohne dass dies gleich die Runde macht oder ich hierfür zahlen muss?
Wer ohne Ansehen von Alter, Herkunft, Sprache und sozialem Stand einen Ansprechpartner für Fragen in allen Lebenslagen sucht, findet diesen am ehesten im eigenen Familien-/Freundeskreis – oder in einer Kirchengemeinde. Dort gibt es nicht nur den/die Pfarrer/in oder z. B. die Mitarbeiter der Diakonie. Zur Gemeinde gehören und hier treffen sich Menschen mit unterschiedlichsten Prägungen, Lebenswegen, Fähigkeiten und Erfahrungen. Menschen, die Ähnliches kennen, selbst erlebt und auch gemeistert haben. Oder aus eigenem Versagen am ehesten Verständnis zeigen, Rat geben und Diskretion wahren können. Die dadurch kompetent sind und Vertrauen verdienen.
Die Seelsorge, die Sorge für das Seelenheil liegt allein in den Händen der Pfarrer und anderen hauptamtlichen Seelsorger. Die Gemeinde aber ist das gelebte Kompetenzzentrum für das, was einem auf der Seele liegt. Nicht nur für alte, alleinstehende und einsame Menschen. Seid willkommen, die ihr mühselig und beladen seid oder mit Freuden Wort und Brot miteinander teilen wollt. Willkommen zum Gottesdienst und zum Gespräch danach. Beides ist Balsam für die Seele.
Wegen der traditionellen Barrierefreiheit unserer Gemeinde und der Vielfalt ihrer Glieder ist sie Anlaufstelle auch für diejenigen, die als Touristen, berufs- bzw. studienbedingt oder aus anderen Gründen vor­übergehend in unserer Stadt sind und hier Anschluss an eine Gemeinde suchen. Aus der Durchreise kann sogar eine dauerhafte Verbindung, eine lebenslange, geistig-seelische oder geistliche Heimat werden. Ganz so, wie für die Glaubensflüchtlinge von damals und heute.

Peter Laborenz

 


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