Willkommen | Archiv | Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz in evangelischer Perspektive

Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz in evangelischer Perspektive

Ausschnitte aus einem Grundsatztext der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Grenzen der Toleranz

Toleranz hat Grenzen. Sie werden sichtbar, wenn Menschen ihre von Gott verliehene Freiheit missbrauchen und intolerant werden. Intoleranz ist eine Brutstätte von Unfrieden und Gewalt. Die Diskriminierung, Unterdrückung und Bekämpfung anderer Menschen und Menschengruppen ist unverträglich mit Toleranz. Der demokratische Rechtsstaat setzt darum der Verbreitung von Intoleranz aller Art durch seine Gesetzgebung Grenzen. Toleranz kann es gegenüber menschenfeindlichen Ideologien nicht geben. Mit dem Bekenntnis zum christlichen Glauben sind Rassismus und Antisemitismus unvereinbar. Doch gesetzlich erzwungene Toleranz ist noch nicht die, die in der eigenen Glaubensüberzeugung gründet. Entscheidend ist darum, wie in der Gesellschaft ein Geist der Toleranz lebendig sein kann und wie die unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen aus ihrem je eige­nen Verständnis von Mensch und Welt Toleranz als Handlungsorientierung praktizieren. Die Evangelische Kirche setzt sich für eine Kultur der Achtsamkeit ein und ist zusammen mit anderen christlichen Kir­chen darum bemüht, einen Beitrag zum Abbau von Feindbildern und Vorurteilen und für ein respektvolles Zusammenleben zu leisten.  

Toleranz und Mission

Toleranz und Mission sind keine Gegensätze. Das Evangelium richtet sich als rettende Kraft Gottes an alle Menschen (Röm 1,16). Das Evangelium zu empfangen und zu bewahren, heißt, es mit anderen zu teilen. Darin besteht die Sendung der Kirche, ihre Apostolizität, die ihr wichtigstes Kennzeichen darstellt. Christinnen und Christen müssen auskunftsfähig über ihren eigenen Glauben sein. Dabei geht es einerseits um die Dialektik zwischen Auskunftsfähigkeit und Respekt, andererseits um die Dialektik zwischen Gottes Handeln und Menschenwerk.

Mission ist zuallererst das Werk des Dreieinigen Gottes, an dem wir teilhaben dürfen. Zu unterscheiden ist zwischen der allein von Gott durch den Heiligen Geist gewirkten Bekehrung der Herzen und Sinne und dem dazugehörenden Zeugnis und Dienst. Christinnen und Christen sind es, die bekennen, bezeugen und dienen, aber sie überlassen es dem Wirken des Dreieinigen Gottes, was aus dem christlichen Zeugnis entsteht. Diese Unterscheidung ist wichtig und zugleich entlastend. Ein missionarisches Zeugnis im Geist der Toleranz ist unverträglich mit Zwang und Ungeduld. Botschafter der Versöhnung sind Christen, wenn sie Gottes Liebe bezeugen, anderen Glaubens- und Lebenswei­sen respektvoll neben sich Raum geben, zugleich jedoch in Freiheit darstellen, was Gottes Wahrheit für sie selbst bedeutet. Die Kommunikation des Evangeliums im Geist der Toleranz schließt eine verein­nahmende und manipulative Mission aus.

Toleranz und interreligiöser Dialog

Der interreligiöse Dialog gewinnt seine Kraft und seine Wirksamkeit dadurch, dass er mit Achtung und in Anerkennung der Würde des Anderen geführt wird. Die Dialogpartner vertreten dabei ihre jeweiligen Perspektiven, nehmen ihre Verschiedenheit wahr und halten Gemeinsames fest. Eine unklare und unsichere Identität, die darauf verzichtet, das eigene Profil auszusprechen, ist nicht hilfreich. Differenzen zwischen christlichem Glauben und anderen Weltanschauungen dürfen weder heruntergespielt werden noch das Ende der Kommunikation bedeuten. Selbstrelativierung stellt keine überzeugende Strategie dar, Differenzen auszuhalten und Toleranz einzuüben. Eine erkennbare christliche Identität ist nicht Störung, sondern Voraussetzung für eine weiterführende Begegnung mit Vertretern anderer Religionen und Weltanschauungen. Der Dreieinige Gott, wie er sich in der Geschichte des jüdischen Volkes und in Jesus Christus offenbart hat, wird von christlicher Seite ins Gespräch gebracht. Als Heiliger Geist zieht Gott unsere Herzen und Sinne zu sich und in Jesus Christus hat er sein Wesen in Vollkommenheit offenbart. Sein Wesen ist die Liebe. Das ist das entscheidende Kri­terium für unser eigenes religiöses Dasein. Mit diesem Kriterium suchen Christen die Wahrheit. In Liebe streiten sie aber auch um die Wahrheit, und dies auch im interreligiösen Gespräch. Hieran werden sie gemessen, hierum geht es. Der interreligiöse Dialog verlangt geradezu die Schärfung des eigenen Profils und die Auskunftsfähigkeit darüber.

Zurück