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Lebensfreude

Ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. (Prediger 3,13)

Dieser Vers ist nicht schwer verständlich. Wir müssen nicht lange über die Bedeutung grübeln. Aber es ist doch interessant, wie der Prediger zu dieser Aussage gekommen ist.
Den Prediger trieb eine Frage um. Es war die Frage: „Was hat der Mensch für Gewinn von all der Mühe, die er unter der Sonne hat?“
Auf der Suche nach einer Antwort setzt er sich kritisch mit überlieferten Weisheiten auseinander. Er erforscht und korrigiert tradierte Sprüche. Er betrachtet Leben und Tod, Arme und Reiche, Alte und Junge. Er sucht nach Weisheit und findet Torheit. Er sucht Recht und erkennt Unrecht. Er betrachtet die Verfehlungen der Menschen. Der Prediger erkennt, dass im Tode nichts mehr Gewinn bringt, sondern alles vergeht. Er kommt zu dem Schluss, dass das menschliche Streben nach Reichtum, Weisheit oder Glück, alles, was vorschnell als Gewinn erachtet wird, eitel und Haschen nach Wind ist. Diese Erkenntnis erscheint pessimistisch, hoffnungslos und resignativ. Aber der Prediger verfällt aufgrund seiner Erkenntnisse nicht der Gleichgültigkeit, wie man es erwarten könnte. Der Prediger sagt zwar: „Alles ist eitel.“ Aber das heißt nicht: „Alles ist egal.“ Denn das Leben verlangt einiges, aber es bietet auch etwas. Es verlangt, sich um das alltägliche Brot zu bemühen und es verlangt auch, sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen.

 

Und gleichzeitig, kann man das Leben genießen. Der Prediger mahnt, das, was einem in die Hände fällt, zu tun. Er mahnt, das zur jeweiligen Stunde Gegebene anzunehmen und gleichzeitig sich daran zu freuen. Denn auch in einem eitlen, flüchtigen Leben, bleibt die Freude. Bei all der Mühe, die das Leben macht, liegt die Freude z.B. im Essen und Trinken, so wie wir es aus dem Monatsspruch hören. Es ist in unseren Ohren heute wohl eine bescheidene Freude, von der der Prediger spricht. So einfach der Vers auch klingen mag und so sehr wir dem einerseits zustimmen mögen, so mühselig scheint es doch andererseits, nach dieser Wahrheit und in dieser Bescheidenheit zu leben. Wer ist schon zufrieden mit dem Leben, dem Brot und dem Wasser, so wie es ist und sehnt sich nicht nach etwas weniger Mühe im Leben, nach Butter auf dem Brot und einem schönen Wein zum Trinken? Wer kann ganz im Hier und Jetzt leben, ohne nach Reichtum, Weisheit oder Glück zu streben?
Der Prediger hat auf seinen Streifzügen durch die Welt erkannt, dass das nicht viele Menschen können. Und deshalb ermahnt er seine Leser und schreibt: Gedenke deines Schöpfers! Der Glaube an Gott als Schöpfer der Erde bringt eine große Dankbarkeit mit sich. Denn dieser Schöpfer ist derjenige, der das Leben schenkt und der einen Menschen Essen und Trinken lässt bei all seinen Mühen. Schwer verständlich ist das nicht. Aber es ist schwer, diese bescheidene Dankbarkeit zu verinnerlichen.

Meike Waechter (aus: Die Hugenottenkirche 9/2010)

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