Willkommen | Archiv | Leitbilder als „Bekenntniszeichen der Kirche“

Ich schlage nun vor …unsere Leitvorstellungen vom auferstandenen Christus her theologisch zu interpretieren. Dann haben sie Kraft und Grund, weil sie nicht nur in soziologischer Sicht als (dringend notwendige!)  organisationspragmatische Zielvorstellungen, sondern gleichzeitig theologisch als „Bekenntniszeichen der Hoffnung“ verstehbar werden.
Wie kann dies geschehen? Indem wir unsere Leitbilder rückbinden an das, was der Kirche schon von ihrem Herrn gegeben ist. Sie ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche noch bevor wir organisationspragmatisch tätig werden. Was wir machen wollen und sollen, die Pläne die wir entwickeln und die Ziele die wir uns setzen, müssen – wie Barmen III [1] uns gelehrt hat – gleichnisfähig sein für den Auferstandenen, der unter uns durch seinen Geist lebt.  Ich verdeutliche dies an den einzelnen Eigenschaften der Kirche:
1. Eine Kirche, die an die einigende Kraft des Auferstandenen glaubt, muss Leitbilder entwickeln, die deutlich machen, dass im Glauben an Christus Gegensätze versöhnt werden können. Trotz aller kirchlicher Unterschiede und Konflikte geht es um den einen Leib und den einen Geist. Es geht um die Bereitschaft, sich trotz aller Differenzen für gemeinsame Ziele einzusetzen. Leitbilder, die wir entwerfen, müssen deshalb erkennbar machen, dass wir eine Kirche sind, die die Versöhnung als Leitvorstellung ernst nimmt.
2. Eine Kirche, die an die rechtfertigende Kraft des Auferstandenen und deshalb an ihre eigene Heiligkeit glaubt, lässt sich immer neu von ihrem Egoismus befreie. Oder, um es mit den Worten von Barmen II zu sagen: Sie ist befreit „aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen“. Wenn wir dies ernstnehmen, müssen unsere Leitbilder zum Ausdruck bringen, dass wir eine Kirche sind und sein wollen, die nicht nur an sich selbst und die Bewahrung ihrer Institution interessiert ist, sondern die aus der geschenkten Freiheit lebt und deshalb „Kirche für andere“ sein kann. Es geht also um die Freiheit zum diakonischen Dienst am Nächsten. Leitbilder, die wir entwerfen, müssen erkennbar machen, dass wir eine diakonische Kirche sind.

3. Eine Kirche, die an ihre eigene Katholizität glaubt, weil Christus in Tod und Auferstehung die Verheißungen Israels universal in Kraft gesetzt hat, wie Moltmann in seiner „Theologie der Hoffnung“ prägnant entfaltet hat, weiß, dass die Verheißungen des Friedens und der Gerechtigkeit allen Menschen gelten. Sie wird deshalb im Sinne von Barmen VI [2]  „Volkskirche“  im besten Sinne sein und auch bleiben, wenn sie kleiner wird. Sie wird immer „die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk“, also eine gesellschaftlich engagierte Kirche sein. Wenn wir die geglaubte Katholizität unserer Kirche ernstnehmen müssen wir deshalb Leitbilder und Ziele entwickeln, die deutlich machen, dass wir den weiten Horizont gesellschaftlicher Verantwortung vor Augen haben. Leitbilder, die wir entwerfen, müssen erkennbar machen, dass wir eine gesellschaftlich verantwortliche Kirche sind und sein wollen.
4. Und schließlich: Eine Kirche, die ihre eigene Apostolizität glaubt, weil der Auferstandene sie sendet, wird missionarisch sein. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“. (Joh. 20,21). Wenn wir die geglaubte Apostolizität unserer Kirche ernst nehmen, müssen unsere Leitbilder erkennbar machen, dass wir eine missionarische Kirche sind und sein wollen.   
Ausgehend vom geglaubten Grund der Kirche entsteht somit das Bild einer Kirche, die sich versöhnend um Einheit bemüht, vom Egoismus befreit diakonisch tätig ist, sich in offener Weise auf gesellschaftliche Herausforderungen einlässt und missionarisch ist.
Mit diesen Leitvorstellungen sind natürlich noch keine konkreten Leitbilder festgelegt. Aber es ist ein Rahmen gesetzt, innerhalb dessen eine Vielfalt von Leitbildern möglich ist, allerdings eine begrenzte Vielfalt. Denn unsere Leitbilder müssen, wenn sie geistliche Kraft haben sollen, den Wesenseigenschaften der Kirche Jesu Christi entsprechen.


[1]  „Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.“
(III. These der Barmer theologischen Erklärung vom Mai 1934)
[2]  „Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.“ (VI. These der Barmer theologischen Erklärung)

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