Willkommen | Archiv | Liberté, je crie ton nom – Freiheit, ich schreie deinen Namen

Liberté, je crie ton nom – Freiheit, ich schreie deinen Namen

Um uns ist es kalt geworden: Religiöser Fanatismus, Hass und Gewalt mit extremer Brutalität trafen Frankreich. Der Anschlag auf die Redaktionsmitglieder der unverschämt schamlosen Satirezeitung Charlie Hebdo, auf Polizisten und Menschen, die einfach nur einkaufen wollten, entsetzen uns.
Werte wie Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit und Religionsfreiheit gehören zu unseren westlichen Demokratien seit der Französischen Revolution. Wir glaubten uns sicher – trotz New York, Madrid, London, Toulouse. Politikverdrossenheit, die Suche nach einfachen Antworten durch extreme Parteien und Rassismus verbreiteten sich in vielen Ländern Europas und sind nicht nur in Frankreich salonfähig geworden.
Und jetzt, die Barbarei, mit einer Kalaschnikow frontal Menschen abzuschießen, um angeblich den Propheten zu rächen. Danach weitere Anschläge. Nun gibt es viele Verletzte und 20 Tote: 17 Opfer, drei Täter, alle unvergleichliche Menschen.
Mich hat die laufende Berichterstattung über die Fahndung nach den Terroristen erschüttert. Es wurde uns fast wie in einem Action-Film eine Menschenjagd vorgeführt. Die Hatz als öffentliches Spektakel. Mir schien, als riefen wir gemeinsam „Kreuzigung! Kreuzigung!“ Genau diesen Drang nach Rache in uns aber müssen wir sorgsam wahrnehmen und überwinden.
Die ganze Welt reagiert mit Entsetzen und mit großer Anteilnahme. Die Bürgerinnen und Bürger – les citoyens – sind aufgewacht: Ihre freiheitliche, offene Gesellschaft, ihre Demokratie und ihre Werte – Liberté, Egalité, Fraternité – sind in Gefahr. #Je suis Charlie wurde zum Symbol des Willens, die Freiheit zu verteidigen, den Terrorismus zu verurteilen und sich diesem brutalen Angriff nicht zu beugen und zu ergeben. Überall versammelten sich spontan Menschen. Dabei wurde eins klar: Nur der Zusammenhalt der Gesellschaft kann helfen, diese tiefe Wunde zu heilen.

Viele, sehr viele sind auf die Straße gegangen. Andere leben in Angst. Viele, sehr viele sind geprägt von Hass und Ablehnung des Anderen, des Fremden und bekennen sich in Frankreich offen zum Rechtextremismus. In diesen Tagen wurden viele Moscheen geschändet. Die jüdische Gemeinschaft fühlt sich schon lange bedroht. Viele Franzosen, die selbst oder deren Vorfahren aus arabischen oder afrikanischen Ländern oder aus der Türkei stammen, und eine Vielzahl von Ausländern – gleich, ob sie sich zum Islam bekennen oder nicht – befürchten, zu Sündenböcken zu werden. Jedoch: Die Terroristen stehen nicht für den Islam. Unsere muslimischen Mitbürger distanzieren sich von jeglichem Terror und nennen das den Missbrauch ihrer Religion.
Die Mahnwachen sind wichtig, aber reichen nicht. Nun muss die Brüderlichkeit im Alltag ankommen. Das verlangt viel Arbeit an uns selbst: Weg von Abgrenzung und Rassismus. Toleranz ist kein abstrakter netter Wert: Jedes Wort des Hasses, der Ausgrenzung, der Menschenverachtung müssen wir anprangern. Nicht nur auf politischen Demonstrationen, sondern vor allem auch im alltäglichen Leben. Zu jeder Zeit. Überall.
Als Christen sagen wir: Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes. Alle. Auch die Menschen, die uns fremd sind, die religionsfeindlichen oder die Menschen, die aus Unwissenheit, Rache oder Frustration sich von falschen Propheten indoktrinieren lassen.
Allein das Gute kann das Böse überwinden: Unsere Bekundungen für Toleranz verlangen Engagement für das Miteinander. Begegnungen, Diskussionen, Konfrontationen mit dem uns Fremden, mit dem Anderen bereichern uns und bringen uns weiter auf dem Weg zu einer wahrhaft brüderlichen Gesellschaft.
Fangen wir damit in unseren Kirchengemeinden an! Paulus schreibt: „Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.“ (Gal 3,28)
Gott schenke uns Kraft an seinem Reich im Heute zu arbeiten. Ein Reich, das keine Grenze kennt und niemanden ausschließt.

Solange Wydmusch
(Französich-reformierte Gemeinde Berlin)

 

 

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