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Otmar Liegl (1921–2015)

Am 20. Oktober 2015 ist Herr Priv. Doz.Dr.Otmar Liegl verstorben, Ehrenpresbyter der evangelisch-reformierten Bethlehemsgemeinde.

Was, wenn nicht die Liebe, kann einen waschechten Bayern bewegen, sich ausgerechnet in Berlin – bei den Preußen! – niederzulassen. Und die Liebe muss schon recht groß gewesen sein, wenn diese Übersiedlung in einer schweren Krisenzeit erfolgte, der Berlin-Blockade 1948.
Otmar Liegl lernte seine spätere Frau 1942 bei einem Erholungsurlaub kennen, als er seine Fleckfıebererkrankung, die er sich als Soldat vor Moskau zugezogen hatte, vollends auskurierte. Wo er politisch stand, daraus machte er ihr gegenüber kein Hehl, als er ihr sagte, was in den deutschen Zeitungen stehe, sei alles Schwindel. Als sie ihn daraufhin ihren Eltern vorstellte, erzählte sie ihnen dies, was ihn in einen nicht geringen Schrecken stürzte. Aber ihr Vater präsentierte ihm nur lächelnd seinen Presseausweis, denn er war selber Redakteur, allerdings bei einer eher fachlich als politisch ausgerichteten Zeitung. Fortan wurde er immer wieder nach Berlin eingeladen. Im Jahre 1950 heirateten Otmar Liegl und Christa Fischer. Dem Ehepaar wurden im Laufe von elf Jahren drei Söhne geboren.
Frau Liegl hatte in ihrer Familie tschechische Vorfahren, ihre Großmutter war eine gebürtige Barta. Die Beschäftigung mit den böhmischen Wurzeln führte dazu, dass sich die Liegls unserer Gemeinde anschlossen. Für den Verein zur Geschichte Berlins verfasste Otmar Liegl 1983 einen Beitrag über Böhmisch Rixdorf. 1992 gab er im Eigenverlag den Böhmisch-Brüderischen Katechismus von 1608 zweisprachig, tschechisch-deutsch, neu heraus.

In seiner poltischen Haltung war Otmar Liegl durch sein sozialdemokratisches Elternhaus geprägt. Sein Vater arbeitete bis zur Schließung und Demolierung durch die SA am 9. März 1933 bei der sozialdemokratischen Zeitung ‚Münchener Post‘. Als Besatzungssoldat freundete sich Otmar Liegl mit einem gleichaltrigen Polen an, mit dem er noch lange nach dem Krieg korrespondierte. Der Funktrupp, dem er angehörte, organisierte halblegal eine Fahrt durch das Warschauer Ghetto. Spätestens jetzt musste ihnen klar geworden sein, dass dieser Krieg ein Vernichtungskrieg war.

Nachdem Otmar Liegl das Medizinstudium in München mit Staatsexamen und  Promotion abgeschlossen hatte, bildete er sich zum Facharzt für Augenheilkunde weiter, wurde bald Oberarzt am Neuköllner Krankenhaus, habilitierte sich und wurde schließlich Chefarzt der Augenklinik und Privatdozent. Bis zu seiner Pensionierung 1986 führte er ca. 40 000 Operationen durch, manche auch privat ohne Honorar. Sogar ein Leopard und ein Bär zählten zu seinen ‚Patienten‘.

Trotz seines Lebensmittelpunkts in Berlin blieb Otmar Liegl seiner bayrischen Heimat verbunden. – Auch in die Schweiz hatte er Kontakte, denn seine leider  frühverstorbene Mutter, eine Damenschneiderin, die es zu einem eigenen kleinen Atelier brachte, stammte aus Bern. – In den 50er Jahren lernte er den 1876 gegründeten Bayernverein kennen und wird 1984 für 27 Jahre dessen erster Vorsitzender.

Das Festhalten an der bayrischen Tradition und Kultur war bei ihm aber nicht nur bloße Folklore mit Lederhosen und Weißwürsten. Nach den beiden Weltkriege, deren maßgebliche Ursachen in deutsch-nationalem Großmachtstreben lagen, war Otmar Liegl überzeugt, dass ein friedliches Deutschland nur auf föderalistischer Grundlage möglich sei. Das aggressive Auftreten nach außen war bereits im Kaiserreich durch Unterdrückung und Missachtung von Minderheiten im Inneren begleitet, im Elsaß, in den sorbischen Gebieten, erst recht gegenüber den Polen in Westpreußen und Posen. Der Bethlehemsgemeinde wurden im 19. Jahrhundert tschechischsprachige Prediger verweigert. Der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges ging Gleichschaltung von kulturellen Einrichtungen und gesellschaftlicher Organisationen und Zentralisierung voraus.
Otmar Liegl zeigte – um es einmal sehr altmodisch auszudrücken – dass die Liebe zur Heimat dem Interesse für andere Traditionen, Kulturen nicht entgegenstehen muss, ganz im Gegenteil. Nur wer in der eigenen Kultur und Tradition oder im Glauben verwurzelt ist, kann für andere Kulturen, Traditionen, Religionen offen sein, neugierig sein. So lernte Otmar Liegl noch mit 80 Jahren sorbisch.
Zum Schluss sei noch erwähnt, dass Otmar Liegl natürlich auch ein großer Verehrer des Humors von Karl Valentin war.

Am 6. November 2015 haben wir uns von Herrn Dr. Liegl in einer Trauerfeier verabschiedet. Die Beisetzung fand am 10. November auf dem Münchner Ostfriedhof statt.

Wer mehr über Otmar Liegl wissen möchte, kann sich in dem Büchlein von Alfred Krautz, Bayrisch sein in Berlin. Berlin (WDL-Verlag) 2001 informieren.

Günther Matthes

Pfr. Bernd Krebs zum 90. Geburtstag
von Otmar Liegl

Nachruf von Helmut Amberger
1. Vorsitzender des Vereins der Bayern in Berlin e.V.

 

 

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