Willkommen | Archiv | Pfarrerin Ulrike Miege 1970–2011

Bei den Menschen

Wir trauern um Pfarrerin Ulrike Miege. Im Jahre 2003 kam sie mit ihrer Familie nach Berlin. Sie absolvierte im Reformierten Kirchenkreis zunächst ihren Entsendungsdienst. 2004–2005 nahm sie dann in der Zeit der Abordnung von Pfr. Krebs in die Uckermark die pastoralen Aufgaben in der Bethlehemsgemeinde wahr. Viele Menschen haben sie damals in ihr Herz geschlossen. Bei ihrer Ordination in Görlitz durch Bischof Huber war sie die Einzige, die sich – erfolgreich – weigerte, niederzuknien. Eine selbstbewußte Reformierte! Im Herbst 2005 wurde ihr die Pfarrstelle im Pfarrsprengel lutherischer und reformierter Gemeinden in der Norduckermark übertragen. Sie zog nach Lindenhagen, südlich von Prenzlau. Ihren Dienst dort hat Pfr. Krebs in der Zeitung „die kirche“ gewürdigt.

Der Pfarrgarten ist verwildert. Neben dem Schuppen türmt sich Gerümpel. „Höchste Zeit, dass hier einer Ordnung schafft“, heißt es im Dorf. Die Uckermärker sind kritische Nachbarn. Was zählt, sind Taten, nicht Worte. Sie beobachten die Neue genau, die mit Ehemann und zwei Kindern in das Pfarrhaus in Lindenhagen zum I. Advent 2005 einzieht. Der Ehemann packt an. Der Schuppen wird aufgeräumt. Im Frühjahr zeigt der Pfarrgarten neue Konturen. Schnell spricht sich herum, dass die neue Pfarrerin die Menschen besucht. Nach den ersten Beerdigungen heißt es: die Neue trifft den richtigen Ton. Doch zum Gottesdienst kommen trotzdem nicht mehr. In der Regel sind es zehn bis fünfzehn, oft nur acht. Wie predigt man zu einem so kleinen Kreis? Zum Pfarrsprengel gehören sieben Dörfer rund um den Sternhagener See, teils reformierten, teils lutherischen Herkommens sowie einige Dutzend Familien, Nachfahren hugenottischer Zuwanderer, die in den Dörfern bei Löcknitz in Vorpommern leben. Das bedeutet lange Fahrtwege und ein kluges Zeitmanagement. Für Ulrike Miege ist es die erste Pfarrstelle. Nach dem Theologestudium in Göttingen und dem Vikariat in der Grafschaft Bentheim, wo die Reformierten noch volkskirchlich leben, soll sie in der Uckermark die zerstreuten Christen sammeln und stärken und (möglichst) neue dazugewinnen. Dabei helfen ihr die Erfahrungen, die sie bei der Vereinigten Ev. Mission in Wuppertal und als Dozentin in Westafrika sammeln konnte. Ihre Predigten sind konkret und direkt, keine Aneinanderreihung dogmatischer Wahrheiten. Meistens dient ein Alltagsgegenstand als Anknüpfungspunkt. Das prägt sich ein. Sie gibt in Prenzlau Religionsunterricht. Das schafft ihr neue Kontakte. Auch die regelmäßigen Besuche zeigen Wirkung. Wenn man Ulrike Miege durch eine ihrer Dörfer begleitet, bleiben die Menschen stehen. Grüße hin und her. In Sternhagen bringt sie neuen Schwung in den Förderkreis, der sich um die Restaurierung der historischen Wagner-Orgel bemüht. Sie holt neue Geldgeber in den Kreis der Unterstützer. Dann ist der große Tag, im Sommer 2009. Die Orgelbaufirma Schuke übergibt der Gemeinde das restaurierte Instrument. Andere Vorhaben bleiben unvollendet, wie die Instandsetzung der Prenzlauer Frz. ref. Kirche.

Die Fülle der pastoralen Aufgaben, die langen Fahrtwege, das ständige Gefordertsein zehren an den Kräften. Die reformierte Synode wählt Ulrike Miege in die geistliche Leitung, das Ev. reformierte Moderamen. Ihre Erfahrungen und ihr Rat werden gebraucht bei der Neuausrichtung der reformierten Gemeinden auf dem Land. Wieder muss sie weite Wege fahren und an Sitzungen teilnehmen. Unter den Presbytern wächst die Sorge. Sie bemühen sich um Entlastung. Sie mahnen Ulrike Miege, achtsamer mit sich zu sein, denn sie lebt mit einer chronischen Erkrankung. Im Sommer 2010 muss sie ihren Dienst abbrechen. Monatelang wartet sie auf eine Transplantation. Im April 2011 stürzt sie und wird am Rücken operiert. Monate des Hoffens und Bangens beginnen. Am 16. Oktober 2011 stirbt Ulrike Miege, 41jährig. In wenigen Jahren hatte sie sich die Anerkennung erworben, die für den pastoralen Dienst so grundlegend ist. Auch viele Nichchristen waren ihr zugewandt, denn sie hat mit den Menschen gelebt. Eine authentische Zeugin des Evangeliums. Wir werden sie vermissen.

Bernd Krebs

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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