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Reformierte Existenz damals und heute

325 Jahre Französisch-reformierte Gemeinde Groß Ziethen, Klein Ziethen und Senftenhütte – aus dem Bericht des Ev.-reformierten Moderamens an die Vereinigte Synode am 28. Mai 2011

Im Jahr 1686 ließen sich auf Anordnung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm in den vom Dreißigjährigen Krieg zerstörten Dörfen Groß Ziethen und Klein Ziethen (am nördlichen Rande des Barnims, südwestlich von Angermünde) französische Kolonisten nieder; ihnen folgten Kolonisten aus der Pfalz und aus der Wallonie. Der erste Prediger, der 1686 berufen wurde, hieß Jean Regnier.
Seine Amtszeit war nur kurz. Umso länger waren die Amtszeiten seiner Nachfolger. Von 1700 bis 1796 – also fast ein Jahrhundert lang – amtierten in Ziethen die Théremin (Großvater, Sohn und Enkel) und von 1797 bis 1879, also weitere 90 Jahre, die Centurier. Solche Konstanz wäre heute, in den Zeiten der Begrenzung der Pfarrstellenübertragung undenkbar. Allzu lange  Bindungen gelten als wenig förderlich. Die Gemeinden sollen nicht zum Besitz eines Pfarrer oder einer Pfarrerin (und deren Familien) mutieren. Von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie von den Gemeinden wird heute ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit erwartet. Ob jedoch auf den (vergleichsweise) kurzen Amtszeiten mehr Segen ruhen wird, werden künftige Generationen beurteilen müssen.
Die materielle und finanzielle Lage der Ziethener Gemeinden war immer äußerst labil. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass die Französischen Kolonien in Brandenburg-Preußen vom Herrscherhaus mit besonderen Privilegien ausgestattet worden waren. Der Wiederaufbau der zerstörten Dorfkirchen, der Aufbau eines Pfarrhauses, die Sicherung der materiellen
Grundlagen für die Pfarrstelle – all das war oft nur unter großen Opfern zu leisten. Insoweit stehen die heutigen Klagen über begrenzte Ressourcen und über das zurückgehende Engagement der Gemeindeglieder in einer langen Geschichte.
Die Erhaltung der Dorfkirchen für künftige Generationen ist und bleibt auch heute eine vielerorts nur noch schwer zu leistende Aufgabe. Andererseits zeugen die jüngst in der Köpenicker Schloßkirchengemeinde gefassten Beschlüsse zur Unterstützung der Ziethener Gemeinden und gleiche Signale aus der Frz. Kirche zu Berlin von der Einsicht und der Bereitschaft der ‚Stärkeren‘
in unserer reformierten Gemeinschaft, an der Verantwortung mit zu tragen.
Glaubt man den Statsitiken der Nachkriegszeit, so zählten die Ziethener Gemeinden (einschl. Senftenhütte) zu Beginn der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts 1720 Gemeindeglieder; damit lagen die Ziethener statistisch gesehen knapp hinter der Gemeindegliederzahl der zweitgrößten Parochie der Frz. Kirche zu Berlin, der Friedrichstadtparoisse. Das ist Geschichte. Die Gründe für den starken Rückgang der Gemeindegliederzahl von 1950—1990 sind vielfältig: die Zerschlagung der überkommenen Lebensverhältnisse durch die SED, die Eingriffe in die ländlichen Besitzverhältnisse, der Druck auf Christen und Kirchen, Ängstlichkeit und Rückzug aus der Gesellschaft usw. Hierin unterschied sich die Entwicklung in den reformierten Gemeinden nicht
von anderen Gemeinden im Ostteil unserer Landeskirche.

Heute tragen unsere ländlichen Gemeinden zudem (wie ihre lutherischen Nachbargemeinden) an der allgemeinen demographischen Entwicklung, die davon geprägt ist, dass die jungen, mobilen Menschen die Dörfer verlassen und die alte Generation bleibt. Das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD hat die Statistiken des kirchlichen Lebens in unserer Landeskirche für die Jahr 2006—2009 ausgewertet. Danach verliert unsere Landeskirche jährlich ca. 19 % ihrer Mitglieder, in absoluten Zahlen: 19.000. Das sind umgerechnet 23 Gemeinden mit einer Mitgliederzahl von jeweils 800. Die Gründe für die Abnahme der Kirchenmitgliederzahlen sind: die erhebliche Differenz zwischen den Taufen bzw. Wiedereintritten und den Kirchenaustritten bzw. der Zahl der Verstorbenen. Im wesentlichen hängt der Rückgang mit der Altersverteilung der evangelischen Kirchenmitglieder zusammen. Die Zahl der Taufen zeigt zwar einen vergleichsweise stabilen Trend. Die Zahl der Kindertaufen hält aber nicht mit
der etwas steigenden Geburtenrate Schritt. Der Anteil der Erwachsenentaufen liegt konstant bei gut 20 % aller Taufen. Der Anteil von Erwachsenentaufen ist dabei in der vormaligen Ostregion der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz prozentual doppelt so hoch wie etwa in der Hannoverschen Landeskirche. Der Zuwachs durch Wiedereintritt beträgt
durchschnittlich 1.700 Personen pro Jahr, was 17 % aller neuen Gemeindeglieder entspricht. Jedoch liegt der jährliche „Neugewinn“ (Wiedereintritt und Taufe) unter 1 % der Mitglieder! Wir sollten diese Zahlen zur Kenntnis nehmen, denn sie machen deutlich: Die Frage nach der Zukunft ist nicht nur eine Frage, dies sich uns Reformierten stellt.
Zugleich wissen wir: Die Statistiken einfach in die Zukunft fortzuschreiben (im Sinne einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“) wäre Ausdruck von Unglauben. „Mit dem Reich Gottes ist es, wie wenn einer Samen aufs Land wirft. Er schläft und steht auf, Nacht und Tag, und der Same sprosst und wächst empor, er weiß nicht wie“, lesen wir in Jesu Gleichnis vom geduldigen
Bauern, in Markus 4,26 ff. Der HERR lässt es wachsen, wo und wie er es bestimmt hat. Unser Auftrag ist es, getreulich zu säen und in Geduld zu warten. Das Gleichnis Jesu hat also etwas Entlastendes: Es nimmt den Druck von uns, mit immer neuen und ausgeklügelteren ‚Wachstumsprogrammen‘ erzwingen zu wollen, was Gottes Werk ist.
 

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