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Rudolf Herzfeldt (1912–2012)

Rudolf Herzfeldt war ein bescheidener und zurückhaltender Mann, der sich niemals aufdrängte. Dabei hätte er aus seiner langen Lebenserfahrung vieles zu sagen gehabt. Wenn er das eine oder ande- re anklingen ließ, dann spürte jeder: hier sprach ein Mann, der lebensklüger und kenntnisrei- cher als manch Anderer seiner Generation war, der sensibel und mit einem erstaunlichen Weitblick die Zeichen der Zeit zu deuten und Unrecht auch als Unrecht zu benennen wusste. Ein Beispiel: Im Herbst 1939 wurde Rudolf Herzfeldt zusammen mit seinen Eltern im Zuge des Hitler-Stalin-Abkommens aus Riga in den sog. Warthegau umgesiedelt, wo die Nationalsozialisten ihre Auffassung von „völkischer Neuordnung“ brutal durchsetzten. Als man ihm in Posen verschiedene Quartiere anbot, aus denen die polnischen Bewohner gerade vertrieben worden waren, da schwante ihm, wie er in der kurzen Chronik seiner Familie schreibt, „Wehe, das kann doch nicht gut ausgehen!“. Rudolf Herzfeld sah voraus, was damals viele nicht wahrhaben wollten. Der Krieg würde eines Tages in das Land zurückkehren, von wo er seinen Ausgang genommen hatte. Und wieder wurden Menschen vertrieben und mussten fliehen, sich an neuen Orten einfinden und zurechtfinden, auch Rudolf Herzfeldt.

Sein Lebensweg ist wie ein Spiegelbild der europäischen Geschichte in der Zeit der zwei Weltkriege und allem, was damit an politischen Erschütterungen, an Gewalt und Missachtung des Rechts einherging – von Riga über St. Petersburg nach Berlin und wieder zurück nach Riga, in den nationalsozialistischen Warthegau, um erneut hier nach Berlin zu ziehen, wo er dann die längste Zeit seines Lebens verbringen sollte.

Der verschlungene Weg, den die Familie hatte gehen müssen, schließlich die langjährige Erkrankung ließen es nicht zu, dass Rudolf Herzfeldt eine seinen tatsächlichen Gaben entsprechende Ausbildung, gar Hochschulbildung
erlangen konnte. Rudolf Herzfeldt hat mit dem Herzen gedacht. Wer aber mit dem Herzen denkt, dringt zum Kern der Sache. So las er auch die Bibel, hörte auf die Worte der Väter und Mütter im Glauben, schrieb selbst religiöse Texte und Gedichte, die von großer Glaubenshoffnung und tiefem Vertrauen erfüllt sind. Das zeigt, dass nicht das Ausmaß formaler Bildung, die einer erhalten hat, entscheidend ist, sondern die Fähigkeit, die Dinge von der Mitte des Glaubens her zu betrachten und zu durchdringen – auf eine unmittelbare Weise, die dem Wort Gottes vertraut. Denn: das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidiges Schwert und durchdringt alles, wie es in Hebräer 4 heißt. Es ist ein Richter der Gedanken und der Regungen des Herzens! Davon wusste er viele Male zu berichten.

Überall, wo man ihm Verantwortung übertrug, zuletzt als Rendant in unserer Gemeinde, hat Rudolf Herzfeldt diese mit großer Genauigkeit und Übersicht wahrgenommen. Das ging oft über seine Kräfte. Aber er ließ sich nichts anmerken. Unter dem Eindruck des Todes seiner Frau, die er über viele Jahre gepflegt hatte, schrieb er 1981: „Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich mich nur wundern und Gott danken, dass ich in den Jahren der doppelten Belastung im Beruf und im Haushalt nebst Krankenpflege, die immer schwieriger wurde, durchhalten konnte, ohne dass mein altes Lungenleiden wieder zum Ausbruch gekommen wäre. Und vorher die vielen Ausfallzeiten durch meine Krankheit? Sie waren natürlich für mein äußeres Fortkommen nachteilig; aber für meine innere Entwicklung waren sie ein Gewinn: ich hatte viel Zeit zum Lesen, insbesondere in der Bibel. Und ich durfte, später zusammen mit meiner Frau, erfahren, dass Gott sein Wort allen zum Segen werden lässt, die es demütig hören und lesen“.

In Demut Gottes Wort hören, lesen und aufnehmen. Das erscheint heute als unzeitgemäß. Es passt so gar nicht zu dem Bild des Menschen, der der Schöpfer seiner selbst ist, tatkräftig und auf sich selbst bezogen. Man muss die Höhen und Tiefen des Lebens durchschritten haben, wie Rudolf Herzfeldt, um zu erkennen, dass zu einem erfüllten Leben anderes gehört: nämlich Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld – wie es im Kolosserbrief heißt. Den Demütigen aber gibt der Herr seine Gnade. So nehmen wir in Demut Abschied von Rudolf Herzfeldt und danken dem HERRN für das Zeugnis seines Glaubens.

Bernd Krebs

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