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„Schöne neue Welt“ ohne Sündenlast?

… Die Parabel vom Großinquisitor* ist die berühmteste Klageschrift gegen eine Kirche, die sich als Sündenverwalterin und Verzeihungsagentur missversteht. Luther hat damit aufgeräumt, um den Preis allerdings, dass der Sünder nunmehr allein ist mit sich und seinem Gott, der unter Umständen sehr fern sein kann. Das Sündenproblem wandert jetzt ganz ins Innere mit all seinen ambivalenten Folgen. Kein Wunder, dass das Bedürfnis entstand, dem ewigen Schuldzusammenhang zu entkommen und die Sünde pragmatisch zu entsorgen.
Gelungen ist es nicht. Die wachsende Zahl der Verbote, Maßregelungen und repressiven Ratschläge, mit denen wir uns gegenseitig zu einer gesundheitsbewussten, sozial verantwortlichen und ökonomisch effektiven Lebensweise zwingen, ist Ausdruck der Tatsache, dass dem christlichen Abendland das Christentum abhanden gekommen ist, nicht aber die Sünde. Vom Sex vielleicht abgesehen, steht alles, was Spaß macht, unter Verdacht: das schnelle Auto ebenso wie die Zigarette, der Schweinsbraten ebenso wie das Glas Schnaps. Nichts scheint verwerflicher als das gute Leben. Die Sucht lauert an allen Ecken und Enden. Die Magazine der Krankenkassen, die Apothekenzeitschriften und die Sonntagsblätter sind zum Katechismus des richtigen Lebens geworden.

Auch die Askese ist wieder da. Der Zölibat erntet Hohn und Spott, aber die Idee, sich einer großen Sache so ausschließlich zu verschreiben, dass daneben kein Raum für Privates mehr bleibt, hat in anderen Sphären Anhänger gefunden. Politiker, die kein Familienleben mehr kennen, Wirtschafts-bosse, die rund um die Uhr in Einsatz sind, leben eine moderne Variante der Enthaltsamkeit. Der Gott des Geldes und des Erfolgs verlangt von seinen Dienern zuweilen mehr als der Gott der Christen.
Wir sündigen noch, können aber Verzeihung nur von uns selbst erbitten. Wir haben die Sünde noch, aber keinen Gott mehr. Ob das ein Gewinn ist?

aus: Ulrich Greiner, Gott ist gnädiger als der Mensch. ‚Die Zeit‘, 20. 4. 2011

* aus dem Roman ‚Die Brüder Karamazov‘ von Fëdor M. Dostoevskij

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