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Schrei nach einer anderen Welt

Gedanken zur Auslegung des Vaterunser im Heidelberger Katechismus (Frage 126–129)
von Okko Herlyn

Beim Thema „das Böse“ lenkt der Katechismus mit dem Hinweis auf „unser eigenes Wesen“ die Aufmerksamkeit noch einmal auf die Tabuzone: uns selbst. Wir sind ja gerne geneigt, anderswo das Böse zu suchen und so eine klare Grenze zu ziehen: hier die Guten, dort die Bösen. Aber: „Wenn es nur so einfach wäre“, schreibt Alexander Solschenizyn, „dass irgendwo Menschen mit böser Absicht schwarze Werke vollbringen und es nur darauf ankäme, sie unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen“. Wir wissen heute, dass etliche der übelsten KZ-Schergen bei sich daheim die liebenswürdigsten Familienväter waren, die mit den Kindern fromme Weihnachtslieder sangen. Das Böse liegt eben oft nicht einfach zu Tage, sondern gibt sich die Maske des Biedermanns, begegnet im Kostüm des braven Bürgers … 

Wohl nennt das Vaterunser Schuld, Versuchung und das Böse unmissverständlich beim Namen. Aber es macht daraus keinen Horrorfilm. Im Gegenteil. Das Gebet will vehement weg von alledem: „Vergib uns unsere Schuld“, heißt es. Und: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Diese Bitten des Vaterunser sind ein einziger Schrei nach einer anderen Welt: Nein, Gott, wir wollen auf Dauer nicht diese blutgetränkte Erde, nicht das Unrecht, nicht den Hunger, nicht Gewalt, Folter, Unterdrückung und Ausbeutung. Wir wollen etwas Anderes. Diesen Schrei macht der Heidelberger Katechismus sehr vernehmlich, wenn er die letzten Bitten so auslegt, dass wir jenen dunklen Mächten „fest widerstehen“ und „in diesem geistlichen Streit nicht unterliegen“. Die dunklen Seiten in uns und um uns sollen nicht das letzte Wort behalten. Und werden es auch nicht behalten. Denn wer betet „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“, der vertraut darauf, dass Gott „als unser König uns alles Gute geben will und kann“ (Frage 128).
aus: Was nützt es dir? Kleine Einführung in den Heidelberger Katechismus. 2013

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