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Wachsende Weltgemeinschaft reformierter Christen – Vereinigung des Reformierten Weltbunds und des Reformierten Ökumenischen Rats

Wir gehören jetzt zur größten protestantischer Gemeinschaft der Welt, der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WRK). Mehr als 600 Delegierte aus aller Welt trafen sich Ende Juni 10 Tage lang gutgelaunt zu einer eindrucksvollen Gründungsversammlung in Grand Rapids/USA. Mich hat tief beeindruckt, wie das gelungen ist. Ich muss sagen, dort war auch der Heilige Geist am Werk.
Die Versammlung repräsentierte über 80 Millionen Christen, dazu gehören z. B. auch Barak Obama und Bill Gates. Alles war klug und effizient organisiert, um die Struktur und das Profil der neuen Weltgemeinschaft zu beschließen und das alles in einem bewundernswert moderierten und auf Gottvertrauen angelegten Konsensverfahren. Zweck der Gemeinschaft ist, Gott durch Jesus Christus lebendig zu bezeugen, in fester Bindung an die Heilige Schrift und auszuloten, wie wir praktisch dazu beitragen können, schöpfungsgemäß zu leben. Motivierend für alle war, dass auch gleich noch ein dritter Weltbund, der Disciples Ecumenical Consultiv Council, mit 4,5 Millionen Christen assoziiertes Mitglied der neuen Weltgemeinschaft wurde.
Das Erscheinungsbild der versammelten Christen aus unierten, reformierten, presbyterianischen und kongregationalistischen Gemeinde aus 250 Kirchen in 108 Ländern war überaus vielfältig, nicht nur optisch, auch sozial. Vertreter aus Asien und Afrika dominierten. Allerhand junge Leute brachten viel Leben ins Bild. Alles ging gut reformiert egalitär und unkompliziert geschwisterlich vonstatten.
Fast alle Kirchen scheinen ernsthafte Probleme zu haben, jedoch oft unter viel schwierigeren Umständen als wir. Während wir oft mit Desinteresse in unseren Gemeinden und der Gesellschaft zu ringen haben, ringen andere mit einer geradezu christenfeindlichen Umwelt (Indien, Pakistan, Burma, Indonesien, Nigeria…). Vereinfacht lässt sich sagen: bei uns überwiegen innerkirchliche Probleme, bei vielen anderen außerkirchliche. Und während hierzulande in der Krise viele erlahmen, beeindruckt der Enthusiasmus andernorts.
Viele aus der weiten Welt werden sich im noblen Calvin-College (Studiengebühr i. d. R. 38.000 $/Jahr), in dem wir tagten, wie auf einem anderen Planeten gefühlt haben. Träger des hochkarätig College ist die die Christian Reformed Church, sie war die Gastgeberin der Weltversammlung. In einem Sonntagsgottesdienst einer reformierten Gemeinde fiel mir auf, wie vertraut mir vieles war, auch die Zusammensetzung der Gottesdienstbesucher, nur – es gibt doch eben mindestens zwei Sonntagsgottesdienste mit einigen hundert Teilnehmenden. 1.600 Gemeindemitglieder leisten sich dort mit ihrem Spendenaufkommen fünf Pastoren. Wie kommt es zu so unterschiedlichen Sonntagswelten hier und dort? Wo werfen wir dem Heiligen Geist Knüppel zwischen die Beine?

Zur Weltversammlung gehörte, dass wir uns täglich um 8 Uhr in dutzenden Bibelarbeitsgruppen zu gemeinsamem Gedankenaustausch und Gebet trafen, ohne dass das jemand anleiten musste. Um 9 Uhr begann der Morgengottesdienst und der Abendgottesdienst endete gegen 22.30 Uhr. Dabei hat sich mein Verständnis von reformierten Gottesdiensten in viele Richtungen erweitert. Zwischendurch wurde dann noch, auch in kritischen Verhandlungsphasen, frei und ergreifend gebetet. Das waren alles ganz wesentliche und zumeist beglü­ckende Grundelemente der erfolgreichen Weltversammlung. Das lässt sich hier in unserem von dort aus gesehenen dürren christlichen Umfeld vielleicht nur schwer vorstellen.
Enorm bereichernd war für mich die Art und Weise der Verhandlungsführung und Beschlussfassung. Ach, könnten wir nur davon einiges bei uns wirksam werden lassen! Doch das darzustellen ist hier nicht der passende Ort, aber ich würde es gerne zu anderer Gelegenheit tun.
Wozu die Weltgemeinschaft hierzulande konkret nützt, lässt sich naturgemäß nicht an unserem Veranstaltungs- oder Haushaltsplan festmachen, denn sie ist ein global player, wesentlich für wachsende Gemeinsamkeiten unter Christen, als Bindeglied untereinander und zwischen den Weltbünden. Unsere Weltgemeinschaft will den Austausch unter Mitgliedskirchen fördern, und das nicht nur unter Pastoren. Für unsere Gemeinden lässt sich dabei gewiss viel lernen, ganz konkret. – In Grand Rapids gab es z. B. einen globalen Austausch über aktuelle Entwicklungen von reformierten Gottesdienstformen. Danach lässt sich weltweit ein Trend hin zu emotionalisierenden Lobpreisliedern und Gebeten feststellen, zumeist in einem größeren Block zu Beginn bzw. vor dem Gottesdienst. Das gilt für viele Konfessionen. Für Reformierte bleibt über alle Kontinente hinweg eine besonders biblische Predigt mit einem guten Anteil von Predigttexten aus dem Alten Testament. Die Abkündigungen werden z. T. mit Bildern verstärkt, die sich auf Menschen und Ereignisse in der Gemeinde und ihrer näheren Umgebung beziehen. Wer mehr wissen möchte, gerne. Gegenwärtig lasse ich mich auf kaum ein anderes Thema lieber ein.
Die neue Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen hat eindrucksvoll das vielfältige Potential der reformierten Welt belegt, frei von Wagenburgmentalität, in der Erwartung, dass Gott seine Kirche erhält, bis seine neue Welt anbricht. Eine Nigerianerin in unserer Bible study group ergänzte abschließende Gedanken immer wieder mit:
But nevertheless, the Lord is greater, allways – „trotz allem, der HERR ist mehr, was auch immer geschieht“.

Björn Rugenstein

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