Willkommen | Archiv | Unterwegs von Berlin nach Berlin

Erinnerungen von Astrid Hollweg

Im Juli 1976 zogen wir aus dem Westen der alten Bundesrepublik nach Berlin (West), der „Insel im Roten Meer“. Damals, 15 Jahre nach dem Bau der Mauer, war es völlig ungewiss, wie lange dieser Zustand andauern würde. Zwar regelten Abkommen die Wege von und nach Berlin (West) sowie die Übergangsmodalitäten zwischen beiden Teilen der Stadt, aber der Kalte Krieg war in vollem Gange, und es war wohl allen klar, dass die sog. menschlichen Erleichterungen jederzeit zurückgenommen werden konnten.
Pfarrer Wittekindt, der Vorgänger meines Mannes, hatte enge Kontakte zur reformierten Schlosskirchengemeinde Köpenick geknüpft, und wir konnten in der Folgezeit diese Kontakte zwischen den beiden Gemeinden weiterführen und ausbauen. Es gab Gemeindeglieder in Köpenick, die vor dem Bau der Mauer zur Bethlehemsgemeinde gehört hatten und umgekehrt. Von unseren Besuchen in Köpenick ist mir vor allem die großzügige und herzliche Gastfreundschaft in Erinnerung, mit der wir von Ehepaar Greulich und der Gemeinde aufgenommen wurden. Im Gemeindehaus in der Freiheit 14 konnten wir uns wie zu Hause fühlen. Dort waren bei aller gebotenen Vorsicht offene Gespräche möglich. So hörten wir ganz konkret von schwierigen Situationen der Kirche im ‚real existierenden Sozialismus‘ und von den Schikanen, mit denen junge Christen in der Schule und als Bausoldaten konfrontiert wurden, aber auch von der Kraft und den Möglichkeiten, die der Glaube schenken kann. Auch hat es uns sehr bewegt, wie intensiv der Zusammenhalt unter den Menschen war.
Insgesamt fiel uns auf, wie stark im Osten Berlins noch die Folgen des von Deutschland ausgegangenen Krieges zu spüren waren, während man sich im Westen Deutschlands der Illusion hingeben konnte, dies alles sei Vergangenheit. Bei jeder Fahrt über die Grenze war der Unterschied mit Händen zu greifen. Man kann sich heute die Absurditäten kaum noch vorstellen, die mit dem Übergang ‚von Berlin (West) nach Berlin (Ost)‘ oder ‚von Westberlin nach Berlin, Hauptstadt der DDR‘, wie die unterschiedlichen Sprachregelungen lauteten, verbunden waren. Ein paar Streiflichter mögen das verdeutlichen.
Es war unsere erste Fahrt nach Köpenick mit der ganzen Familie. Wir fuhren mit dem Auto zum Übergang für Bundesbürger in der Heinrich-Heine-Straße. Unsere Bundespässe hatten wir behalten, um nicht immer den Übergang nach ‚Berlin, Hauptstadt der DDR‘ beantragen und einen Grund angeben zu müssen. Unsere Kinder kommentierten laut und unbefangen, was sie an der Grenze beobachteten, mit Fragen wie: „Warum ist das Geld hier so leicht?“ Kaum waren wir weitergefahren, als vom Rücksitz zu hören war: „Haha, wir haben den Polizisten die Zunge rausgestreckt, und sie haben es auch gesehen!“ Völlig entnervt erreichten wir die Freiheit, parkten etwas entfernt vom Gemeindehaus, stiegen aus, knallten alle Türen zu – und der Schlüssel steckte innen! Alle Versuche, in unser eigenes Auto einzubrechen, scheiterten. Normalerweise wäre ich mit der S-Bahn nach Lichterfelde zurück gefahren und hätte den Ersatzschlüssel geholt. Ich wollte es auch unter den damaligen Bedingungen versuchen und an der Grenze das Problem erklären. Aber Horst Greulich befürchtete, dass dadurch der Kontakt zwischen den beiden Gemeinden auffliegen würde. Am Telefon war zur Tarnung immer von „Verwandtenbesuch“ die Rede. Schließlich kam ein Presbyter mit seiner Metallsäge und sägte eins der vorderen Seitenfenster säuberlich aus. Wir fuhren luftig nach Hause zurück.
Leider gab es auch heimliche Informanten, die wir damals nicht ausfindig machen konnten. Irgendwann wurde uns klar, dass die Fahrten meines Mannes in den ‚Osten‘ und die grenzüberschreitenden Gemeindekontakte bei den entsprechenden
Stellen im Voraus angekündigt wurden. So hatte mein Mann oft ein Polizeiauto hinter sich und fuhr dann einfach nur in der Stadt herum. Einmal stieg er aus und fragte die ‚Volkspolizisten‘ (Vopos) nach einem Weg irgendwohin. Persönliche Kontakte sind wichtig. Das wussten wir noch aus unseren Erfahrungen im Dritten Reich. Und tatsächlich hielten ‚sie‘ sich danach zurück.

Anlässlich eines Jubiläums wünschte sich die Köpenicker Gemeinde ein Krankenabendmahlsgerät. Das war aus Silber, durfte also nicht so einfach eingeführt werden. Mein Mann packte es in seine Tasche zuunterst, darauf eine Bibel, Kaffee und Schokolade. Der Vopo nahm die Geschenke heraus und griff nach der Bibel. „Das ist ja ein Buch. Wissen Sie denn nicht, dass Sie so etwas nicht einführen dürfen?“ „Das ist eine Bibel. Die gibt es doch auch bei Ihnen. Ja, blättern Sie ruhig darin. Es steht viel Gutes drin.“ Der Vopo deutete auf die schwarze Hülle des Abendmahlsgerätes: „Und was ist das?“ „Ein Krankenabendmahl.“ „Was ist das?“ Mein Mann sagte ganz ruhig, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt: „Ein Krankenabendmahl.“ Nach kurzem Zögern hieß es: „Packen Sie ein, Sie können fahren!“
Wesentlich schwieriger war es, mit einer Gruppe nach Köpenick zu kommen. Es war verabredet, dass wir mit den Konfirmanden der Bethlehemsgemeinde den Gottesdienst in der Schlosskirche besuchen und anschließend im Gemeindehaus die Köpenicker Konfirmanden und den sehr lebendigen Jugendkreis treffen sollten. Mein Mann sollte ein Grußwort sagen; Predigten musste man vorher einreichen und genehmigen lassen. Horst Greulich empfing uns vor der Kirche und sagte: „Die Stasi sitzt im Gottesdienst. Geht irgendwo spazieren und kommt später möglichst unauffällig in die Freiheit.“ Die Stasi hatte von unserem Vorhaben Wind bekommen. Der Staat der DDR wollte Jugend-Kontakte von West nach Ost unbedingt unterbinden. Aber Gemeindehaus in der Freiheit trafen wir uns dann doch.
Geplant war ein Besuch mit einer größeren Gemeindegruppe. Wir verteilten uns auf die Grenzübergänge Friedrich-, Heinrich-Heine- und Invalidenstraße, um nicht aufzufallen. Ich ging mit ein paar Jugendlichen über die Friedrichstraße. Eine Vopo hielt die Jüngste aus unserer Gruppe zurück. Als sie endlich durch die ‚enge Pforte‘ kam, erzählte sie völlig aufgelöst, dass man ihr immer wieder mit Fragen zugesetzt habe, wo wir denn hin wollten, aber sie habe nur geantwortet: „Ins Museum!“ wie es vereinbart war. Weniger unauffällig verlief der Übergang an der Invalidenstraße. Ich hatte allen Teilnehmern einen Brief mit den nötigen Informationen geschrieben und darunter groß und deutlich vermerkt: Bitte den Brief keinesfalls mitnehmen! Aber einer der Teilnehmer hatte ihn offen in der Jackentasche stecken. Der Vopo zog ihn heraus, las ihn gründlich, gab ihn zurück
und fragte: „Und wie viele kommen noch?“ Ich hatte den ganzen Tag weiche Knie, aber es passierte nichts.
Beim Hugenottenjubiläum 1985 lernte unsere Tochter Karen die reformierte Jugendgruppe aus Leipzig kennen. Es entspann sich ein reger Briefwechsel, und ein Besuch wurde geplant. Karen war aber erst 14 und konnte daher nicht allein nach Leipzig fahren. Ihre Schwester Heike, die bereits volljährig war, bot sich an, sie zu begleiten. Wir überlegten, dass sie als Zweck der Reise „Tourismus“ angeben sollten. Am Abend vorher lernten sie an Hand eines Reiseführers die in Leipzig zu besichtigenden Sehenswürdigkeiten auswendig. Zum Glück! Denn Heike wurde an der Friedrichstraße gefilzt und ausgequetscht, was sie in Leipzig alles sehen wolle. „Und wozu führen Sie dann Wolle und Stricknadeln mit?“ „Damit will ich unterwegs einen Pullover anfangen.“ Karen stand die ganze Zeit daneben, um eine möglichst ausdruckslose Miene bemüht; denn – sie hatte die Taschen ihres Anoraks vollgestopft mit Musikkassetten, deren Inhalt den Grenzwächtern wohl kaum gefallen hätte.
Sehr gut erinnere ich mich an die Ängste, die man ausstand, wenn man etwas Verbotenes „mitführte“, und an die Erleichterung, wenn es gelungen war, die immer subtiler werdenden Kontrollen auszutricksen. Es ließe sich noch vieles erzählen. Passierte das alles vielleicht auf einem anderen Stern? Was aber schließlich mitten unter uns passierte, war ein Wunder: am Neujahrstag 1990 feierten beide Gemeinden zusammen Gottesdienst, dieses Mal in der Richardstraße.

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