Willkommen | Archiv | Die Sprache, die immer schon da ist – Versöhnung

Die Sprache, die immer schon da ist …

Ich bin davon überzeugt, dass die Subjektivität des Menschen aus sich selbst heraus nicht lebensfähig ist. Wir brauchen vielmehr, um wir selbst werden zu können, Geschichten, Bilder, Metaphern, Symbole und Rituale, die es schon gibt. Ich kann nur mit Fulbert Steffensky sagen: Wir leihen uns die Sprache der Vorausgegangenen. Das, was ich aus mir selber heraus sagen kann, ist im Grunde nämlich sehr schmal. Das ist doch von Kindesbeinen an so: Menschen werden lebensfähig, indem sie ihre eigene Intention der Sprache anvertrauen, die immer schon vor ihnen da ist, und den symbolischen Metaphern und Erzählungen der biblischen und kirchlichen Tradition. Ich finde es problematisch, wenn wir aufgrund des jeweils gerade vorherrschenden Lebensgefühles bestimmte Metaphern und Vorstellungen einfach ausscheiden. Wir sollten vielmehr das, was uns gegeben ist, so erzählen, feiern und leben, dass die Grundlinie der biblischen Tradition immer wieder neu deutlich wird, die Verheißung, dass Gott die Beziehung des Menschen zu Gott und zu seinen Mitmenschen wieder herstellt, etwas, das wir nicht können.

Hans-Martin Gutmann, Professor für Praktische Theologie in Hamburg;
aus: zeitzeichen 3/2010

Versöhnung

Paulus verbindet in Römer 3,25 den Sühnegedanken mit dem Gedanken der Sündenvergebung. Wird diese Verbindung aufgelöst und die Sühnevorstellung isoliert betrachtet, besteht die Gefahr, dass sie den Eindruck erweckt, Gott sei es, der eine Sühne brauche und fordere, weil seine Liebe missachtet oder seine Ehre verletzt sei. So sagt es etwa Anselm von Canterbury. Doch wenn eine Aussage über die Heilsbedeutung des Todes Jesu Christi voraussetzt oder den Eindruck erweckt, erst durch den Kreuzestod Jesu Christi sei Gott versöhnt worden, hat sie mit der neutestament-lichen Botschaft nichts mehr zu tun. Gott ist das Subjekt des Versöhnungsgeschehens, nicht ihr Objekt. Gott muss nicht versöhnt werden, sondern er „war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst“ (II. Korinther 5,19). Das Besondere und Charakteristische der Rede vom (Sühn-) Opfer im Neuen Testament besteht gerade darin, dass nicht (mehr) wir Menschen Gott Opfer bringen, um ihn gnädig zu stimmen, sondern dass Gott sich in Jesus Christus zu unseren Gunsten, uns zu Liebe opfert.

Wilfried Härle, Professor für Systematische Theologie in Hamburg
aus: Christ und Welt 9. 4. 2009

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