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Vom Leben in der Fremde – einige Gedanken zum ersten Teil des Heidelberger Katechismus’

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ fragt der Heidelberger Katechismus in seiner 1. Frage. Er fragt nicht: „Wer ist Gott“ oder „Wo finde ich Gott“. Er fragt nicht „Woher kommt die Welt“ oder „Was wird aus der Welt“. Er fragt vielmehr: „Was gibt Deinem Leben Halt und Orientierung“. Die Antwort weist uns direkt auf Jesus Christus: Er begleitet uns und leitet uns an auf dem Weg durch das Leben und Sterben und beim Lesen der Bibel. „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“. Mit dieser Frage einen Katechismus zu beginnen – das war und ist ziemlich einzigartig und mag zunächst auf Manchen höchst verstörend wirken. Wer will schon gleich am Beginn eines Katechismus mit einer so intimen Frage konfrontiert werden?
Natürlich kann man den Heidelberger auch als Kompendium der biblisch-reformatorischen Lehre begreifen und benutzen. Dafür ist es ja auch konzipiert worden. In aller notwendigen Klärung geht es aber immer um dieses Eine: die Einsicht zu gewinnen, die der Apostel Paulus im Römerbrief so zusammengefasst hat: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herr. Darum, ob wir leben oder sterben, gehören wir dem Herrn“. Das ist übrigens die erste Bibelstelle, auf die der „Heidelberger“ verweist.
Ist doch die vornehmste Aufgabe eines Katechismus nicht nur festzuhalten, was denn im Glauben gilt, sondern den Glaubenden wie den Fragenden und Suchenden immer wieder an die Heilige Schrift zu weisen. So dient der „Heidelberger Katechismus“ mit seinen 129 Fragen und Antworten einem Dreifachen: mein Wissen zu vertiefen, mich zu trösten und zu stärken und mich zu einem Leben in Dankbarkeit anzuleiten.   
Dieses dreifache Anliegen wird in Frage 1 (und ihrer Antwort) thesenartig entfaltet und gibt den Dreischritt vor, dem der „Heidelberger“ dann in seinem Aufriss folgt: „Der erste Teil – Von des Menschen Elend“ – „Der zweite Teil – Von des Menschen Erlösung“  „Der dritte Teil – Von der Dankbarkeit“.
Ich sagte, dass es Anliegen des „Heidelberger“ ist, mein Wissen zu vertiefen. Der Glaube ist ja nicht nur ein Gefühl – etwa das Gefühl „schlechthinniger Abhängigkeit“, wie Schleiermacher es formuliert hat. Der Glaube zielt auf Erkenntnis, also auf ein erkennendes Begreifen, in welchen Zusammenhängen sich das Leben, mein Leben vollzieht. Die Autoren des „Heidelberger“ folgten hier Johannes Calvin, der gleich zu Beginn seines „Unterrichts in der christlichen Religion“ festhielt: „All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde eigentlich zweierlei: die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen“.
Deshalb ist der „Heidelberger“ in vielen seiner Aussagen oft sehr radikal. Wenn es um die Erkenntnis Gottes und um die Selbsterkenntnis geht, muss Klarheit geschaffen werden. Beschönigungen oder „Wir haben uns doch alle lieb“-Floskeln helfen hier nicht weiter. Wir müssen uns der Realität stellen, sonst werden wir nicht erkennen, woraus Gott uns befreit und erlöst, und woraufhin sein bewahrendes Handeln zielt.
Sich der Realität zu stellen, ist meistens ein schmerzlicher Prozess. Veränderungen aber sind nur möglich, wenn man schonungslos erhoben hat, was ist. Und hier sagt der „Heidelberger“ klar und deutlich: der Mensch lebt in der Fremde („im Elend“). Wir leben im „Ausland“, getrennt von Gott und dem, wofür er uns bestimmt hat. Diesen Zustand nennt die biblische Theologie (Alten wie Neuen Testaments) „Sünde“ – oder anders gesagt: getrennt zu sein, wie ein „Sund“ zwei Länder oder Inseln voneinander trennt

Es geht hier nicht um einzelne Taten oder Verhaltensweisen, durch die wir unsere Bestimmung verfehlen, gegenüber Gott, gegenüber unseren Nächsten und gegenüber uns selbst. Es geht um einen Zustand, den man auch mit dem Wort „Entfremdung“ beschreiben kann: wir leben nicht so, wie es unserer Bestimmung entspricht. Wir leben vielmehr im Widerstreit – mit uns selbst, mit unseren Nächsten und mit Gott. Der „Heidelberger“ umschreibt diesen Zustand mit dem Satz: „Ich bin von Natur aus geneigt, Gott und meinen Nächsten zu hassen“.
Zu dieser Aussage lassen sich nun viele Fragen stellen – die auch der „Heidelberger“ stellt. Etwa: „Hat denn Gott den Menschen so böse und verkehrt erschaffen?“ oder „Woher kommt denn diese böse und verkehrte Art des Menschen?“. Oder „Sind wir so böse und verkehrt, dass wir ganz und gar unfähig sind, zu irgendeinem Guten und geneigt zu allen Bösen?“ In den Antworten weist der Heidelberger nicht auf Erkenntnisse der Psychologie oder der Anthropologie, sondern auf die Bibel und eine Vielzahl von Geschichten und Aussagen, die das „Getrenntsein“ beschreiben.
Denn nicht der „Menschen an sich“ ist für den „Heidelberger“ das Thema, sondern der Mensch in seiner Beziehung zu Gott. Und diese Beziehung ist vom Menschen her betrachtet, eine Nicht-Beziehung. Der Mensch meint, selbst Anfang, Mittelpunkt und Ende allen Seins zu sein. Er braucht Gott nicht. Er ist sich selbst „Gott“. Das ist sein „Elend“.
Und da sind wir nun an einem höchst kritischen Punkt: denn die Leitbilder, die in unserer Gesellschaft gelten, suggerieren uns, dass eben ein solches Leben, das nur um sich selbst kreist, das richtige Leben ist. Es braucht lange, manchmal ein ganzes Leben, bis jemand begreift, dass er oder sie hier einem Trugbild, einem „Götzen“ aufgesessen ist. Der Mensch ist von seiner Bestimmung her ein Beziehungswesen. Das zu erkennen, ist der erste Schritt heraus aus der „Entfremdung“. Indem der Mensch seine Beziehungsbedürftigkeit erkennt und anerkennt, gibt er Gott Recht. Er bekundet damit, dass er Gott braucht, um wieder in die rechte Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu allen anderen Menschen zu gelangen.  
Der Heidelberger nennt diesen Prozess des Erkennens: „Sündenerkenntnis“. Die Sündenerkenntnis ist – im wahrsten Sinne des Wortes – not-wendig. Mit ihr beginnt die Wendung meiner Not als entfremdet lebender Mensch hin zu der tröstlichen Einsicht: dass Jesus für mich „vollkommen“ bezahlt, mich also aus dem „Elend“ losgekauft und zum Leben zurückgebracht hat, so dass ich, des ewigen Lebens gewiss und von Herzen willig und bereit bin, ihm forthin zu leben – wie es in der Antwort zur 1. Frage heißt.
Das erste biblische Zitat, auf das der „Heidelberger“ Bezug nimmt, entstammt dem Römerbrief des Paulus. Das letzte biblische Zitat weist uns an den 2. Timotheusbrief im 2. Kapitel. Es mag Zufall sein oder ein Zeichen der Providentia Dei (Vorsehung Gottes), dass in diesem Wort noch einmal, zum Abschluss von 129 Fragen und Antworten, die Grundmelodie angestimmt wird, die den gesamten Katechismus erfüllt: Gottes Treue ist unverbrüchlich. „Sind wir untreu, so bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen“.
Bernd Krebs

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