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Von den Zetteln …

Dass man als Prediger Reaktionen auf die Predigt erhält – in meiner ersten Gemeinde war das selten der Fall, bestenfalls kamen allgemeine Floskeln, selbst in der kleinen Gruppe, die sich regelmäßig zum Nachgespräch traf. Ich war deshalb höchst irritiert, als ein Gottesdienstbesucher, den ich bis dahin nie gesehen hatte, über mehrere Wochen hinweg meine Predigten mitschrieb.

Es war die Zeit der Friedensbewegung zu Beginn der 80er Jahre. Die Stimmung in Kirche und Gesellschaft spitzte sich zu, zumal in Berlin (West), wo Kritik an den Westalliierten, vor allem an den Amerikanern als höchst illoyal und undankbar galt – was ich mit Blick auf die Geschichte der Stadt (Blockade, Mauerbau) durchaus verstehen konnte. Wurden meine Predigt-Äußerungen von dem Gottesdienstbesucher weitergegeben, vielleicht sogar irgendwo festgehalten? Wer in der Friedensbewegung in verantwortlichen Positionen agierte, erhielt bisweilen merkwürdige Anfragen. Angebliche Journalisten zeigten sich interessiert, man wurde um „Mithilfe“ oder um „Auskunft“ gebeten. Ich war deshalb vorsichtig.

Fast zwanzig Jahre später traf ich in der Bethlehemsgemeinde auf engagierte Predigtzuhörer, die auch auf ein lang währendes kirchliches und politisches Engagement zurückblicken können. Die Gespräche nach dem Gottesdienst sind daher zumeist sehr spannend. Die Diskutanten schreiten immer ein weites Feld ab, „mitten mang“ mein Vorvorgänger im Pfarramt, Dr. Arnd Hollweg. Seine Gattin, Astrid Hollweg und er sind mir höchst willkommene Gottesdienstbesucher. Sie achten meine Arbeit, wie auch ich gegenüber ihrem jahrzehntelangen Engagement große Hochachtung hege.

Als Arnd Hollweg eines Sonntags seine Brieftasche aus der Jacke nahm und während meiner Predigt etwas auf einen Zettel notierte, wusste ich, dass mich hier keiner kontrollieren oder gar „Informationen“ weitergeben wollte. Dennoch war ich zunächst erstaunt, bis mir Arnd Hollweg nach dem Gottesdienst erklärte, dass ihn ein Gedanke aus meiner Predigt inspiriert hätte. Wir alle zehren von den Anstößen und Ideen anderer. Und wenn ich meinem immer noch höchst aktiven Amtsbruder eine Anregung geben kann, dann ist das gut.

Doch wo landen all’ die Zettel, die Arnd Hollweg über die Jahre beschrieben hat? Werden sie abgeheftet oder gar katalogisiert, nach Stichpunkten bzw. Sachthemen? Oder landen sie noch am selben Tag in der berühmt-berüchtigten Ablage „P“? Mein Bruder hat über Jahre Zettel mit Einfällen zu Drehbüchern und Film-Stoffen in der Wohnung verteilt – bis meine Schwägerin das zu unterbinden wusste und er, um des häuslichen Friedens willen, einlenkte.

In das Geheimnis der Hollweg’schen Zettel wurde ich schließlich von Astrid Hollweg eingeweiht. Die Zettel landen in Kästen, die mittlerweile in einer stattlichen Anzahl in der Wohnung aufgereiht sind. Eine derartige Fundgrube mit Stichworten, Anregungen, Geistesblitzen und Querverweisen habe ich nie gewagt, anzulegen – ich weiß um meine Nachlässigkeit. Eine solche Sammlung muss wie eine Bibliothekskartei gepflegt werden, andernfalls verliert sie ihren Nutzen. So wünsche ich denn Astrid und Arnd Hollweg, dass Ihnen die Kästen mitsamt ihrem Inhalt weiterhin gute Dienste leisten mögen.

Ach ja – es gilt ja noch das Rätsel aufzulösen, was es mit jenem ominösen Mann auf sich hatte, der Anfang der 80er Jahre meine Predigten mitschrieb. Sein Interesse an meinen Predigten war seelsorgerlich-theologischer Art gewesen, nicht politischer, wie ich zunächst dachte. Er suchte nach Zuspruch und Begleitung, denn er hatte viel Schweres durchgemacht. Die Pflege seiner schwerkranken Frau belastete ihn sehr. So war ich denn beschämt, dass die allgegenwärtige „Hermeneutik des Verdachts“, die doch ein Kennzeichen des Totalitarismus ist, sich auch meines Denkens bemächtigt hatte. Dabei hatten wir Spät-68er doch gemeint, dass mit uns eine andere Zeit in Kirche und Gesellschaft Einzug nehmen würde! Möge die geistige Unabhängigkeit, die sich Astrid und Arnd Hollweg bewahren konnten, uns Nachgeborenen deshalb weiterhin Vorbild und Mahnung sein.

Ehepaar Hollweg zur Goldenen Hochzeit. Es grüßt Sie herzlich Ihr Bernd Krebs

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