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Von Mülheim in die Barrios von Caracas

Ein Bericht aus Las Torres

Schon seit langem unterstützt unsere Gemeinde das Hilfsprojekt Las Torres, das in den Slums von Caracas in Venezuela Kindern und Jugendlichen hilft. Der Freundeskreis Las Torres wird von Frau Christel Schuck geführt, die uns regelmäßig besucht – zuletzt beim Sommerfest – und aus dem Projekt berichtet. Ihr Sohn Martin leistet zur Zeit seinen Zivildienst in Venezuela. Hier sein Bericht:

Die Sechs-Millionen-Stadt, die in einem großen Talkessel der Küstenkordillere von Venezuela liegt, hat mich mit ihren tagsüber belebten Straßen und dem unentwegten Treiben von Anfang an in ihren Bann gezogen. Ich wohne etwa 20 Minuten vom Stadtkern entfernt. Mit Bussen und U-Bahnen kann man sich schnell und unkompliziert fortbewegen. Von meiner kleinen Unterkunft unter dem Dach des Zentrums im Barrio Los Cujicitos habe ich einen wundervollen Blick auf Caracas. Anfangs durften Maria (eine Praktikantin aus Furtwangen, die zeitgleich ein freiwilliges Jahr im Projekt verbringt) und ich nur in Begleitung einheimischer Mitarbeiter Stadt und Umgebung erkunden. Später dann auch auf eigene Faust losziehen.

Inzwischen kennen wir uns ganz gut aus und können getrost behaupten: Wir fühlen uns hier (fast) heimisch.

Auch mit der Verständigung auf Spanisch klappt es immer besser. Maria und dich betätigen uns ganz bewusst in unterschiedlichen Gruppen, um nicht allzu oft der Verführung zu erliegen, miteinander deutsch zu sprechen. Die Beschäftigung mit den Kindern ist zwar anstrengend, ist aber sehr interessant und bereichernd. Sie macht mir viel Freude. Die Arbeitsstunden von halb acht bis fünf vergehen wie im Fluge. Anfangs zum Zuhören und Zuschauen verdammt, um mich mit den Sitten und Gebräuchen vertraut zu machen, kann ich mittlerweile auch wirklich helfen und den Erzieherinnen Arbeit abnehmen. Sei es bei der Hausaufgabenbetreuung oder beim Basteln oder beim Spielen auf dem Dachplatz.

Doch nicht alle Kinder sind „pflegeleicht“, wachsen in nach unseren Vorstellungen geordneten Verhältnissen auf. Viel zu viele leiden unter schrecklichen Wohnverhältnissen und unzureichender Ernährung, erleben hautnah den Streit zwischen den Eltern mit und sind oft genug selbst das Opfer.

Es ist wichtig, die Lebensgeschichte jedes einzelnen Kindes zu kennen, um dessen Verhalten zu verstehen und in besonders krassen Fällen den Kontakt zu den oft nicht minder schwierigen Eltern zu suchen. Denn nur in gemeinsamen Gesprächen  sind Lösungen möglich. Hier Fortschritte zu sehen, dafür lohnt sich jeder persönliche Einsatz. Und: jedes Kind ist es wert, dass man sich um es kümmert.

Im März wurde in einer ganz armen Gegend ein viertes Zentrum eröffnet. Wir haben die Werbetrommel angekurbelt  und Geld für die Inneneinrichtung gesammelt. Die Kinder der Hausaufgabenbetreuung hatten viel gebastelt, sodass wir eine Menge verkaufen konnten. Maria und ich haben in Caracas deutsche Einrichtungen wie Botschaft, Schule und katholische Gemeinde angesprochen und unser Anliegen vorgetragen. Das „Geschäft“ lief gut. Wir verkauften aber nicht nur, wir informierten auch über das Projekt. Das Interesse war vielversprechend. Die Kontakte zu „einflussreichen Menschen“ wie Botschafter und Direktoren eröffnen uns eine Menge toller Möglichkeiten. Wir können uns vor Einladungen kaum retten.

Die andere Seite der Medaille sind die „Schauergeschichten“, die wir immer wieder hören. Wir verhalten uns in der Stadt möglichst unauffällig und wirken auf den ersten Blick zwar wie Ausländer, allerdings alles andere als wohlhabende Touristen, die in unserem Alter hier auch nicht herumlaufen. Im Barrio kennt man uns wir kennen viele, was allerdings eine trügerische Sicherheit ist. Abends verlassen wir halt nicht mehr das Haus. Ab und zu sind vor allem an den Wochenenden Schießereien zu hören. Gestern wurde der Vater eines Jungen, aus unserem Projekt ganz in der Nähe meines Hauses mit 14 Schüssen regelrecht hingerichtet. Das hat uns schwer getroffen und uns die gefährliche Situation wieder vor Augen geführt.

Aber lähmen lassen darf man sich von der Angst nicht, dann würde man seines Lebens nicht mehr froh. Und es gibt in diesem Land soviel Schönes zu entdecken: Direkt hinter dem Armenviertel, in dem ich wohne, beginnt die Küstenkordillere mit ihren typisch tropischen Bergwäldern und ihrer unvergleichlichen Artenvielfalt. Da kann man sich auf Humboldts Spuren begeben und Vogel- sowie Pflanzenwelt studieren.

Ich gerate ins Schwärmen. Doch die Pflicht ruft. Ob Ihr es glaubt oder nicht: Ich freue mich auf die Arbeit. Jeden Tag neu.

Martin Schuck

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