Willkommen | Archiv | Vorfahren – Gedanken des Schweizer Theologen Karl Barth

Vorfahren – Gedanken des Schweizer Theologen Karl Barth

In ihm leben sie alle. (Lukas 20,38)

In der einen „Gemeinschaft der Heiligen“ haben nicht nur die jeweils Lebenden recht, sondern auch die Toten, reden und wirken auch nicht nur die jeweils lebenden, sondern mit ihnen die Vorangegangenen, ihre Worte und Werke, ihre Geschichte, die ja mit ihrem Hingang keineswegs abgeschlossen ist, vielmehr oft genug erst lange nach ihrem Hingang inmitten ihrer Nachfahren in ihr entscheidendes Stadium tritt, die mit der Geschichte der jeweiligen Gegenwart in einem gar nicht aufzulösenden Zusammenhang steht. Hier gilt gegenseitiges Tragen und Getragenwerden, Fragen und Gefragtsein und sich Verantwortenmüssen zwischen den daselbst in Christus versammelten Sündern.

In der Kirche gibt es keine Vergangenheit, „In ihm leben sie alle“. Ein wirklich Vergangener, der gar nicht mehr mitzureden hätte, könnte nur der Erzketzer sein, der auch für die unsichtbare Kirche Gottes gänzlich Verlorene sein. Es gibt nur relative Ketzer, und darum dürfen und sollen auch die je und je als solche Beurteilten in ihrer anerkannten Torheit mitreden.

Gott ist der Herr der Kirche. Wir können nicht vorwegnehmen, welche Mitarbeiter der Vorzeit uns bei unserer eigenen Arbeit willkommen sind, welche nicht. Es kann immer so sein, dass wir die ganz unvermutete und unter diesen zunächst die ganz unwillkommene Stimme ganz besonders nötig haben. Die Geschichte will für die Wahrheit Gottes zeugen, nicht für unsere Errungenschaften, und darum haben wir uns von allem vermeintlichen Schonwissen ihr gegenüber immer wieder in die Bereitschaft, Neues zu vernehmen, zurückzuziehen.

Schatten der Reformation – der lange Weg zur Toleranz

Grundsätzlich gilt: im christlichen Glauben ist die Haltung der Toleranz ebenso angelegt wie die der Intoleranz. Es gibt Anknüpfungspunkte zu beiden inneren Haltungen und ein ehrlicher Rückblick auf die vergangenen 500 Jahre Reformationsgeschichte zeigt vor allem, dass auch in den reformatorischen Kirche und ihrer Theologie die Kräfte der Intoleranz lange Zeit dominierten. Man kann bestenfalls von einer Lerngeschichte in Sachen Toleranz erzählen, initiiert und getragen von einer Aufklärung, die zwar nicht prinzipiell gott- und glaubensfeindlich war, die ihre wesentlichen Einsichten aber weithin gegen die Kirche durchsetzen musste. Die notwendige Lerngeschichte dauert an bis heute. Toleranz meint nicht nur Hinnehmen dessen, was ich sowieso nicht verhindern kann, sondern Toleranz meint ein Sicht-Bemühen um den anderen. Dazu aber ist es unerlässlich, sich der eigenen Position sicher und klar zu sein. Insofern ist jeder Dialog der verschiedenen zugleich die Aufforderung, sich der eigenen Überzeugungen bewusst zu sein. Dazu gehört auch die Verantwortung dafür, die Grenzen einer verantwortlichen Toleranz zu kennen. Die Toleranz muss intolerant werden, wenn sie es mit den Feinden der Toleranz zu tun bekommt.

Selbstkritische Gedanken des Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes Thies Gundlach in dem lesenswerten „Magazin zum Themenjahr 2013 – Reformation und Toleranz“ der EKD
http://www.ekd.de/themen/luther2017/82867.html

Zurück