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Weihnachten ohne Geschenke?

Weihnachten einmal anders: Keine Kerzen, Gans oder Lebkuchen – und auch ohne Geschenke. So erlebte ich den Heiligen Abend in Ho Chi Min City (Saigon) nachdem ich zuvor einige Tage geschäftlich in Hanoi verbracht hatte. Kurzfristig sprang ich für einen Partner ein, und wie so oft erwies sich diese ungeplante Reise als Glücksfall (nicht nur beruflich).
Zunächst war ich überwältigt von der Dynamik des sog. kleinen China, das neben einem unerträglichen Verkehr (zumeist Mofas, deren Fahrer – oft mit Weihnachtsmütze oder -mantel, immer geschützt durch Atemmasken – entweder zu zweit unterwegs sind oder die Ware eines ganzen Verkaufsstandes, manchmal auch eine Großraum-Kühl-/Gefrierkombination auf dem Rücken balancieren) ein Wirtschaftswachstum von jährlich 8 % aufweist. Damit steht die Sozialistische Republik Vietnam (seit gut 30 Jahren nicht mehr geteilt) gleich nach dem großen Nachbarn im Norden an zweiter Stelle weltweit. (Hatte man einen ähnlichen Wachstumsschub nicht auch vom „wiedervereinigten“ Deutschland erwartet? Wir haben ja noch Zeit bis 2020.) Die Größe des Landes und Zahl der Einwohner gleichen unserem Land, allerdings wächst das vietnamesische Volk jährlich um gut 1 %, d.h. rund eine Million Menschen (stat. Geburtenrate 1,9 % je Frau).
Und diese nutzen die (wirtschaftlichen) Freiheiten einer „Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung“, wobei mich bis auf wenige rote Spruchbänder in den Straßen Hanois an den Sozialismus à la DDR nichts, aber auch gar nichts erinnerte: Ab frühmorgens sind die (Straßen-) Händler unterwegs, kaufen ihre Früchte, ihr Gemüse oder andere Güter des täglichen Bedarfs auf den Märkten der Vororte ein, um diese dann – zumeist zu Fuß und z.T. stundenlang unterwegs in die Innenstadt – auf Bambusstange zu transportieren. Denn selbst für den Bus reicht es bei vielen nicht, lebt doch noch gut ein Viertel unter der Armutsgrenze (die neuesten deutschen Zahlen liegen – bei erheblich höherem Ausgangsniveau – zwar darunter, doch gibt es hier echte Initiativen, daran etwas zu ändern?).
Bei einem monatl. Durchschnittslohn von 50 EUR eigentlich unglaublich – es wird nicht nur fleißig gearbeitet sondern auch konsumiert! Die vielen kleinen Restaurants und Bierstuben sind am ganzen Tag voll besetzt, sogar in drei und mehr Etagen (bei erstaunlich kleiner Grundfläche wegen der hohen Immobilienpreise). An jeder größeren Straße, z.T. schon ab 4 Uhr und somit noch in der Nacht, sitzen Einzelpersonen (später ganze Familien) auf dem Bürgersteig (mir fällt kein passenderes Wort ein, „Trottoir“ ist zwar treffender, nach den beiden gewonnen Kriegen aber politically nicht korrekt) – und bieten mit mobilen Garkochern und kleinen Plastikhockern bis zum späten Abend warme und kalte Getränke sowie einfache bis feinste Speisen an. Nicht nur alle paar hundert Meter, alle fünf bis zehn Meter. Natürlich habe ich teilweise mein Frühstück landestypisch auch als heiße Suppe mit frischem Gemüse aus Schalen geschlürft, auch am Straßenrand oder in garagenähnlichen Einfahrten, den von Einheimischen bevorzugten Ganztags-Gaststätten. Frühmorgens ist die Luft noch erträglich, deshalb joggen Jung und Alt in den Parks oder vollziehen Allgenerationen-gerechte Qi-Gong-Übungen auf Straßen und Plätzen.
Vielleicht tut dies nicht nur der Gesundheit (kaum jemand trägt eine Brille, was nicht nur am modernen Lasern liegen kann), sondern auch der Fruchtbarkeit gut: Ein knappes Drittel ist jünger als 15 Jahre, das Durchschnittsalter liegt unter 26 Jahren. Und auch die Alten sind gut „drauf“, arbeiten solange es geht fleißig mit und bewegen sich flink und würdevoll. Wie überall in Asien leisten sie ihren Anteil, werden (vielleicht deshalb?) auch hoch geschätzt und nicht einfach abgeschoben oder gar „weggesperrt“. Ob es überhaupt Altersheime gibt, weiß ich nicht (eher nein) – ich weiß aber, daß ich mich dort freiwillig nicht in eine staatliche Klinik begeben werde. Insoweit gibt es noch sozialistische Nischen und DDR-Erfahrungen, auch beim Beobachten bzw. Passieren der Warteschlangen vor dem deutschen Konsulat.
À propos Gesundheit: Ausgewogenes, natürliches Essen und viel Bewegung steigern bekanntlich nicht nur das Alter, sondern vor allem die Lebensqualität und das Wohlbefinden. Auch wenn die Menschen Asiens den westlichen Lebensstil bewundern und diesem sowie unserem Wohlstand nacheifern – hoffentlich können Sie unsere Zivilisations-Krankheiten vermeiden. Fast-Food-Ketten nach US-Vorbild habe ich nicht gesehen, und vereinzelte Hamburger- und Pizza-Anbieter sind in beiden Städten (geschätzt 8 bzw. 10 Mio Einwohner) seltener als vietnamesische Restaurants in der Kantstraße.

Und von diesen kennen wir ja auch hierzulande den sprichwörtlichen Fleiß und die Freundlichkeit sowie Gastfreundschaft der Menschen in Vietnam – vornehmlich der weiblichen, die mich mit ihrem Aussehen und ihrer Anmut verzückten, wegen ihrer z.T. äußerst devoten Zurückhaltung aber ähnlich unnatürlich oder übertrieben wirken wie hier manche Frauen mit ihrem demonstrativ männlich-forschen Gehabe. Das zu ändern dürfte auch eine „Emma“ in vietnamesischer Sprache kaum schaffen, Frau Herrmann ließe sich dort besser verkaufen. Die konfuzianisch geprägten Gesellschaften haben eine auf Ehrgeiz und Disziplin gegründete Arbeitsmoral, die durchaus mit calvinistischer/protestantischer Tradition vergleichbar ist. Und gab es dies nicht auch einmal bei uns – ebenso wie das Rollenverständnis der Geschlechter? Was ist geblieben von Strebsamkeit und Selbstverantwortung, von sozialer Marktwirtschaft basierend auf christlichen Werten?

Zurück zu Weihnachten: Auch wenn sich gut 80 % der Bevölkerung als „ohne Religion“ bezeichnen, findet man in jedem Ladengeschäft und Hotel am Eingang auf dem Fußboden einen kleinen Schrein mit einer Buddha-Figur, Räucherstäbchen und zumeist grünem Tee mit mehreren Trinkschalen. Obwohl sich weniger als 10 % zum Buddhismus bekennen – bei über 7 % Christen (in der Mehrzahl katholisch). Und letztere präsentieren sich und ihren Glauben so selbstbewußt-„bildhaft“ wie ich dies sonst nur aus Wallfahrtsorten in Polen oder Spanien sowie ausgesuchten Gemeinden der Alpen-Region oder aus Lateinamerika kenne. Selbst in den kleineren Orten fernab der beiden Metropolen fielen mir – neben gelegentlichen buddhistischen Klöstern – viele christliche Symbole (Krippen, Kreuze/Kruzifix) auf, während in den Großstädten große Kirchen, lichterglänzend geschmückt, unübersehbar den einen oder anderen Platz dominieren. Und drum herum viele Familien mit Kindern in festlicher Kleidung oder Weihnachstkostümen.
Auf vielen Terrassen und selbst an Straßenecken glitzerten farbige Krippen in (Über-)Lebensgröße, zumeist umrankt von silberfarbenem Stoff, der wohl an die Grotte in Bethlehem erinnern soll. Auch wenn ich diese als äußerst schlicht in Erinnerung habe, fühlte ich mich am Heiligen Abend in Saigon ebenso am richtigen Platz wie vor 43 Jahren in Bethlehem. Auch damals blieb mir vor allem das Sprachengewirr auf dem Hirtenfeld in Erinnerung, diesmal allerdings immer nur Zentimeter entfernt von in allen Richtungen vorbeiziehenden, motorisierten Zweitakt-Karawanen, die zu Hunderten und in zumindest 6er Reihen während einer 22-Sek.-Ampelphase – einem Marathonstart nicht unähnlich – unterwegs waren. Da Verkehrsregeln offensichtlich nicht gelten oder ignoriert werden, mußte ich am ersten Tag wortwörtlich über die Hauptstraße gezogen werden – ich würde sonst noch immer fassungslos und verängstigt am Straßenrand stehen.
Und trotzdem – ich werde zurückkommen, mir vor dem nächsten Tsunami auch die Urlaubsparadiese (Nha Trang, Phan Thiet usw.) anschauen, die mit ihren weißen Stränden und modernen Hotelanlagen (zumeist Bungalows im Hüttenstil) einem Vergleich mit der Karibik oder Südsee standhalten: Das Forbes Magazin 10/2005 zählt Da Nang Beach zu den sechs luxuriösesten weltweit. Anders als anderswo wird man in Vietnam jedoch Bettler und Angst vor Diebstahl (hoffentlich auch künftig) wohl kaum antreffen ... Auch käufliche Liebe findet nicht in der öffentlichkeit statt. Wer keine Garküche und auch keinen „Bauch“-Laden hat, bietet (auch Kinder und Greise) eben Lotteriescheine oder Blumen zum Überleben an,. Bedrängt oder gar bedroht – wie hierzulande am Ku'damm und in der U-/S-Bahn – wurde ich jedoch niemals.
Wer Lust auf das Land bekommen hat, sollte (sofern nicht bereits geschehen) die vietnamesische Küche in Berlin testen – es schmeckt im Land noch besser, es gibt noch viel mehr Reissorten bzw. -kreationen und es ist dort für unsere Verhältnisse darüber hinaus unglaublich günstig. Selbst Hummer kosten weniger als hier ein paar Shrimps, das Großtaxi rd. 1 Euro für 10–15 Minuten. Da bleibt genug Geld übrig für Souvenirs und Geschenke. Diesmal habe ich weder Weihnachtsgeschenke verteilt noch erhalten. Dennoch wurde ich reich beschenkt – mit bezauberndem Lächeln, unendlicher Freundlichkeit, Gastfreundschaft und menschlicher Wärme. Und mit unbezahlbaren Eindrücken und Erkenntnissen, die mich persönlich und auch beruflich weiterbringen werden. Denn von den dortigen Menschen und ihrer Lebensart kann man einiges lernen und mitnehmen, das nichts kostet, jedoch länger hält und mehr gibt als das eine oder andere Geschenk aus der Boutique oder dem Kaufhaus.

Peter Laborenz, Januar 2007

P.S.
Allen Leserinnen und Lesern ein gutes Neues Jahr. Das Schwein als Glücksbringer wird auch mich als 47er (und auch die 1935-, 1959-Geborenen) begleiten, bin ich doch nach dem chinesischen Horoskop im Jahr des Schweins geboren. Es gilt nicht nur hierzulande als Symbol für Wohlstand, sondern steht in Asien zudem für Fruchtbarkeit. Auch das paßt, lassen sich doch Neugeborene in Deutschland ab diesem Jahr wieder „rechnen“. Vielleicht steigt endlich auch unsere Geburtsrate …

 

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