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Welche Geschichten erzählen wir unseren Kindern?

Karl ist ein begnadeter Erzähler. Die Kinder im Dorf lieben ihn. In seiner großen Scheune hat Karl  im Halbkreis Hocker aufgestellt, in der Mitte seinen ledernen Sessel, den „Märchenthron“ wie die Kinder ihn liebevoll nennen. Im Halbdunkel der Scheune lauschen sie seiner Stimme. Sie hören ihm gebannt zu, wenn von Feen und Elfen erzählt, von Hexen und vom Teufel, vom Hans im Glück und vom Eisernen  Gustav, von Jakob und Esau und von Joseph und seinen Brüdern. Manchmal fürchten sie sich. Dann rücken sie enger zusammen. Am Ende gehen die meisten Geschichten gut aus. Sie jubeln, wenn der Heilige Georg den Drachen erlegt hat und fragen, wie denn das Brot im Korb der Elisabeth plötzlich zu Rosen werden konnte. Sie finden es ungerecht, dass Jakob sich den Segen erschleichen konnte und weinen, als die Brüder vor Joseph niederknien, den sie doch einst als Sklaven verkauft hatten.
Den Frommen im Dorf ist Karl ein Dorn im Auge. Es empört sie, dass er Märchen und Sagen mit biblischen Geschichten auf eine Stufe stellt. Doch er lässt sich nicht beirren.


So lernen die Kinder bei ihm, was Recht und was Unrecht ist. Sie werden aufmerksam für das Los der Armen und Zurückgesetzten und kritisch gegenüber den Mächtigen.  Sie erkennen, wem man trauen kann und wem nicht und  dass die Liebe am Ende stärker ist als alles. Wenn ich die Kinder auf ihren Hockern sehe, wie sie Karl gebannt zuhören, kommt es mir vor wie eine Reise in eine vergangene Zeit. Doch offenbar empfinden die Kinder das gar nicht so. Was für sie  zählt ist allein, ob sie sich in den Geschichten mit ihren Hoffnungen und Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen wiederfinden. Die alten Geschichten haben  ihre Faszination nicht verloren. Wir können sie weitererzählen, die Geschichten der Bibel gleichermaßen wie die Märchen oder die großen Sagen. Wenn wir sie unseren Kindern erschließen, wird sich ihr Blick weiten. Sie werden sich als Geschöpfe des einen Gottes erkennen, der alles in allem wirkt. Denn Gottes Wahrheit schafft sich Raum in vielen Geschichten, nicht nur in den biblischen.   
„Worte für den Tag“ am 6. November 2012 – rbb-kulturradio
Pfarrer Bernd Krebs

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