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Wider den Strom schwimmen und die Anfechtung

Ihr dienet dem Herrn und nicht den Menschen. (Epheser 6,7)
Ich bin wie ein einsamer Vogel auf den Dach. (Psalm 102,8)

Daran hat sich nichts geändert, dass ein Christ inmitten seiner Umgebung immer ein seltsamer und bedrohter Vogel sein wird. Der Weg der Christen kann nun einmal, wie solidarisch sie sich mit ihrer Umgebung wissen und verhalten mögen, nicht der der Welt – und wohl am allerwenigsten der einer vermeintlich christianisierten Welt – sein. Sie werden von der sie bewegenden Stelle her im Großen und im Kleinen ihren eigenen Weg gehen müssen und darum in dem, was sie denken, sagen und vertreten – hier bemerklich, dort weniger bemerklich, aber im Grunde immer – Fremdlinge sein, an denen man Anstoß zu nehmen viel Anlass haben wird. Sie werden den Einen als allzu asketisch erscheinen und den Anderen als allzu unbesorgte Lebensbejaher, hier als Individualisten und dort als Kollektivisten, hier als Autoritätsgläubige und dort als Freigeister, hier als Bourgeois und dort als Anarchisten. Sie werden selten bei der in ihrer Umgebung herrschenden Mehrheit zu finden sei. Sie werden jedenfalls nie mit dem Strom schwimmen. Die großen Selbstverständlichkeiten werden für sie nie absolute Geltung haben. Gewiss dann auch nie deren absolute Verneinung, so dass sie auch auf den Beifall der jeweiligen Revolutionäre schwerlich rechnen dürfen. Und sie werden ihre Freiheit nicht nur in freien Gedanken im Verborgenen pflegen, sondern in freier Tat und Verhaltensweisen an den Tag legen, in der sie es den Leuten nie recht machen werden.

Religion mag (für manche) Privatsache sein. Das Werk und Wort Gottes aber ist die in Jesus Christus geschehene Versöhnung der Welt mit Gott. Er hat aber sein letztes Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen, noch nicht so, dass Aller Ohren, Aller Vernunft, Aller Herzen ihn vernehmen mussten. Das bedeutet, dass der Christ den meisten anderen Menschen in relativer Einsamkeit gegenüber steht. Die damit verbundene Isolierung will ausgehalten sein. Was sollen und wollen denn die paar christlichen Leutlein? Was erwarten diese Menschen damit auf dem großen Jahrmarkt? Was ist schon die von Paulus gerühmte Gotteskraft des Evangeliums verglichen mit den Kräften des Staates, der Weltwirtschaft, der Naturwissenschaft und der Technik? Es hieße den Kopf in den Sand stecken, wenn der Christ sich durch das Alles nicht angefochten finden würde – und noch tiefer in den Sand, wenn er sich, um dieser Frage zu entgehen, auf sein eigenes Glauben und Lieben zurück ziehen wollte. Es ist aber sinnvoll und geboten, angesichts dessen zu hoffen, das heißt: unbedingt damit zu rechnen, dass der Tag des Kommen Jesu Christi der Tag sein wird, da sie, die Toten und die Lebendigen, seine Stimme hören werden.

Karl Barth

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